«Side Effects» – ein Thriller mit Nebenwirkungen

Bevor sich Steven Soderbergh am Filmfestival in Cannes mit seinem Liberace-Musical vom Regiestuhl verabschiedet, lässt er noch einmal augenzwinkernd die Thriller-Muskeln spielen. «Side Effects» ist ein genmanipulierter Kinohybrid zwischen «Contagion» und «Fatal Attraction».

Schauspielerin Rooney Mara auf der Couch.

Bildlegende: Leidet an ungeahnten Nebeneffekten: Rooney Mara als Depressionspatientin. Ascot Elite

Steven Soderbergh hat schon lange verkündet, er wolle aufhören Filme zu drehen und sich in Zukunft der Malerei widmen. Allerdings war der Mann in den letzten Monaten dermassen produktiv, dass er sein Regie-Ende mit Karacho zündet.
Da kommt nämlich noch der Liberace-Film «Behind the Candelabra» mit Michael Douglas und Matt Damon. Ein wie man hört dermassen schwules Musical, dass sich kein US-Filmproduzent daran die Finger verbrennen wollte und einmal mehr die mutigeren Brüder vom Kabelfernsehen dafür ihren Mann stehen mussten.

Oder eben «Side Effects», der im Februar an der Berlinale seine Premiere gefeiert hat. Da steckt unter anderem Michael Douglas' Frau Catherine Zeta-Jones drin, als Psychiaterin – mit Nebenwirkungen. Ferner Jude Law als ebensolcher, die schillernde Rooney Mara als Depressionspatientin, und schliesslich Channing «Magic Mike» Tatum als ihr Ehemann.

Soderbergh spielt mit dem Publikum

Damit ist allerdings erst mal noch gar nichts gesagt. Der Mann hat schon alles geliefert, vom unterhaltsamen Polizeithriller «Out of Sight» mit George Clooney und Jennifer Lopez (ihre beste bisher Kinorolle überhaupt), über die durchzogenen «Ocean's»-Filme bis zum tiefgekühlten Remake von Andrei Tarkovskis «Solaris».

Was also ist nun «Side Effects»? Die Antwort ist nicht ganz einfach. Denn anders als bei «Contagion», seinem raffiniert globalisierten und akribisch recherchierten Ansteckungsthriller, führt Soderbergh diesmal sein Publikum ebenso wie seine Protagonisten mehrfach an der Nase herum.

Psychopillen und Pharmadeals

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem beigen Sofa.

Bildlegende: In der Krise: Rooney Mara (links) und Channing Tatum. Ascot Elite

Rooney Mara («The Social Network», «The Girl with the Dragon Tattoo») spielt eine junge Frau, deren Ehemann (Channing Tatum) eben eine Gefängnisstrafe für Insider-Handel abgesessen hat. Sie ist offensichtlich depressiv und wird schliesslich Patientin bei Jude Laws Dr. Banks.

Der wiederum ist nicht bloss Psychiater: Er nimmt auch Kontakt auf mit der Kollegin, welche die junge Frau früher behandelt hat. Und er lässt sich auf einen Testdeal mit einem Pharmakonzern ein: Gegen Bezahlung verschreibt er ein neues Medikament an Freiwillige (die es dafür gratis bekommen) und hilft bei der Feldstudie.

Soderbergh fasziniert mit gut recherchierten Einblicken in die Welt des Pharmahandels und der Ärztevertreter, und eigentlich wäre das schon ein Film für sich. Dass bei der jungen Frau die Behandlung zu ungeahnten Nebeneffekten führt und sie schliesslich ihren Mann tot in der Wohnung findet, ist allerdings nicht das Ende der Geschichte, sondern der Anfang einer anderen.

Saftiger Hybrid

«Side Effects» ist demnach beides: Pharmathriller und Potboiler. Und wer weiss, dass Soderbergh nach eigenen Aussagen zur Vorbereitung mehrfach Adrian Lynes ebenso effizienten wie infamen «Fatal Attraction» (mit Michael Douglas und Glenn Close und einem gekochten Familienhasen) angesehen hat, ahnt, wie weit er dieses Mal das Spiel mit dem Genre-Chameleon treibt.

Mehr soll nicht verraten sein. Es genügt die Feststellung, dass der Film bei allen Kurven, Windungen und Wendungen spannend und schweisstreibend bleibt. Und dass er einmal mehr den Beweis erbringt, dass Soderbergh mit dem Kino (und dem Publikum) souveräner zu spielen versteht, als er geneigt ist zuzugeben.

Zugleich zeigt er sich erfreulich skrupellos mit seinem politisch inkorrekten Rückgriff auf die klischeedampfenden Psychoreisser der 80er Jahre. Es kann ja niemand behaupten, auf der Verpackung stehe keine Warnung.

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