Kino-Technologie So kämpfen Kinos gegen sinkende Besucherzahlen

Netflix und Co. machen den Kinos das Publikum streitig. Diese wehren sich mit spektakulärer Technik und Events.

Leerer Kinosaal.

Bildlegende: Was tun, damit die Kinosäle nicht leer bleiben? Colourbox

  • 2016 war kein gutes Kinojahr: Die Eintritte gingen gegenüber dem Vorjahr um sieben Prozent zurück.
  • Kinobetreiber müssen immer mehr bieten, um Leute anzulocken.
  • Mit Multiplex-Kinos, Imax- oder 4D-Sälen und Spezialevents wehren sich die Kinobetreiber gegen die Konkurrenz durch das Heimkino.

Das Kino im eigenen Wohnzimmer: Immer bessere Technik und umfassende On-Demand-Angebote wie Netflix konkurrenzieren die Kinobetreiber. Eine Antwort darauf ist 3D: Damit bieten die Kinos den Zuschauern ein Spektakel, das sich im Heimkino nicht durchsetzen konnte.

3D ist eine von vielen Initiativen der Schweizer Kinobetreiber, um Publikum anzulocken.

Eine Übersicht über die aktuellen Trends – mit Einschätzungen von SRF-Filmexperte Michael Sennhauser.

Der Multiplex gewinnt

Fassade des Kinos Maxx.

Bildlegende: Der Multiplex ist auf dem Vormarsch – auf Kosten der Einsaalkinos. Keystone

Weniger Kinos, dafür mehr Leinwände: Der Trend zum Multiplex mit acht und mehr Leinwänden nimmt weiter zu. In den letzten 20 Jahren ist in der Schweiz der Marktanteil der Multiplex-Kinos von knapp 3 auf gut 36 Prozent gewachsen. Sie verzeichnen einen Drittel aller Kinoeintritte.

Neue Multiplexe sind geplant oder im Bau, etwa bei Luzern, Basel, Chur, Bern und Riddes (VS).

  • SRF-Filmexperte Michael Sennhauser: «Multiplexe und digitale Projektionen erlauben den Kinobetreibern eine flexible Programmierung. Theoretisch können sie je nach Zuschauerzahl einen Film am gleichen Abend in einen grösseren Saal verlegen. Multiplexe bieten zudem oft ein Gesamtangebot inklusive Bar oder Restaurant. Das ergibt kommerziell Sinn, geht aber auf Kosten der Einsaalkinos in den Innenstädten. Diese können sich nur halten, wenn sie sich zusammenschliessen, von einem zentralen Programmierer bespielt werden und örtlich nahe beieinander liegen. Dann bilden sie sozusagen dezentralisierte Multiplexe.»

Imax: Leinwand, soweit das Auge reicht

Glasfassade des Imax-Kinos in London.

Bildlegende: Imax-Kinos – hier eines in London – zeigen immer öfter auch Spielfilme. Imago/Anka Agency International

Das Imax-Format war lange dem Dokumentarfilm vorbehalten. Doch langsam erobert auch der Spielfilm die riesigen Leinwände, die das Blickfeld des Zuschauers nahezu vollständig ausfüllen.

Die Kinobetreiber ziehen nach: In Genf betreibt Pathé seit 2014 einen Imax-Saal, in Basel, Riddes (VS) und bei Luzern sind solche geplant.

  • Michael Sennhauser: «Grosse Hollywoodproduktionen werden unterdessen von Anfang an für verschiedene Formate konzipiert: 2D, 3D, 4D, Blu-ray oder eben auch Imax. Das Imax-Format hat verschiedene Vorteile: Ein Film wirkt noch spektakulärer, man kann ihn nicht raubkopieren und man kann ein Publikum erreichen, das den Film schon gesehen hat und ihn nochmals sehen will. Es ist eine Vergrösserung des Kinoerlebnisses, das seine Nische finden wird.»

4D: Sturmböen im Kinosessel

Kinosaal mit 4Dx-Sesseln.

Bildlegende: Bewegliche Kinosessel in einem 4D-Kino. Screenshot Youtube/4Dx

Der Sitz rüttelt, Wasser spritzt, und es riecht nach Kaffee: 4D (manchmal auch 5D genannt) erweitert das Kinoerlebnis um eine neue Dimension.

Dank Ventilatoren, Wasser- und Duftdüsen und beweglichen Sitzen soll das Filmerlebnis noch intensiver werden.

In der Schweiz gibt es solche Säle bisher in Genf und Zürich.

  • Michael Sennhauser: «Das ist eine Jahrmarktspielerei. Bei einem ganz spektakulären Film, bei dem sich solche Effekte anbieten, kann das toll sein. Aber die Leute werden sich nicht jede Woche einen 4D-Film anschauen – irgendwann hat man das gesehen. 4D wird sich nicht durchsetzen.»

Virtual Reality (VR): Mittendrin statt nur dabei

Video «Schweizer Kino mit Attraktionen» abspielen

Virtual Reality in Zürich

6:03 min, aus Schweiz aktuell vom 13.9.2016

Dank Virtual-Reality-Brillen kann man sich in einem Raum in alle Richtungen umschauen, man ist also mitten im Geschehen des Films. Die Technologie steckt noch in den Kinderschuhen, entsprechend ist das Filmangebot überschaubar. Es handelt sich vor allem um kurze Dokumentarfilme.

Ein erstes «Kino» für solche Filme gibt es bereits: «We are cinema» bietet in mehreren Städten wie Bern, Luzern und Zürich VR-Erlebnisse an – ohne Leinwand, dafür mit VR-Brillen, Kopfhörern und Drehstühlen.

  • Michael Sennhauser: «Virtual Reality hat mit dem klassischen Kino nicht mehr viel zu tun. Das ist kein Gruppenerlebnis mehr, diese Filme schaut jeder für sich. Für die bestehenden Kinos ist das deshalb keine Lösung. Wenn die Technologie aber irgendwann ein Gruppenerlebnis auf der virtuellen Ebene ermöglicht, man also zusammen in eine virtuelle Welt eintauchen und dort miteinander interagieren kann, dann sehe ich viel Potenzial. Das wäre eine Verschmelzung von Videogames und dem klassischen Kino.»

Kino-Events: Opern und Männerabende

Baby im Kino

Bildlegende: Im Baby-Kino sind auch die Kleinsten willkommen. Keystone

Mit Lunch-Kino, Baby-Kino, Ladies Night, Männerabend, Opern- und Konzertübertragungen wollen die Kinobetreiber neue Publika anlocken.

Gokino.ch versucht, das Angebot den Wünschen des Publikums anzupassen: Zuschauer wählen Kino, Film und Zeitpunkt der Vorführung selbst; falls sich genügend Leute anmelden, kommt eine Vorführung zustande.

  • Michael Sennhauser: «Das Lunch-Kino, das Vorpremieren zeigt, gibt es schon lange, das ist sehr populär. Auch ein Angebot wie die Ladies Night, das von Sponsoren unterstützt wird, funktioniert gut. Andere Versuche sind gescheitert. Bei Gokino.ch zum Beispiel ist das Angebot verzettelt: Zu viele Faktoren müssen übereinstimmen, damit eine Vorstellung zustande kommt. Ich denke nicht, dass Kino-on-Demand damit gestorben ist. Es müsste aber wohl von einem Kino angeboten werden, nicht von einer dezentralen Plattform.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 21.02.2017, 12:10 Uhr

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