«Das bessere Leben ist anderswo»

Filmfestivals zeigen nicht nur Geschichten, sie schreiben an den Geschichten auch weiter. Weil das Publikum nicht nur auf Filme, sondern auch auf Filmemacher und Protagonisten trifft. So geschehen beim Dokumentarfilm «Das bessere Leben ist anderswo» von Rolando Colla.

Der bosnische Schafhirte Enver

Bildlegende: Dem, wonach sich viele sehnen, möchte er entfliehen: Der Schafhirte Enver hat genug vom einsamen Leben in der Natur. filmcoopi

Drei Menschen in drei unterschiedlichen Teilen der Welt mit ihren Wünschen und Sehnsüchten porträtiert Rolando Colla in seinem Film «Das bessere Leben ist anderswo». Der Regisseur, der sonst für seine Spielfilme bekannt ist, – mit «Giochi d’estate» gewann er im letzten Jahr den Schweizer Filmpreis «Quartz» – hat zehn Jahre lang an diesem Film gearbeitet.

Intime Porträts

Im Gegensatz zu vielen anderen Dokumentationen hat dieser Film keine grosse, übergeordnete Geschichte. Er handelt nicht von historischen Ereignissen, erzählt nicht die Biographie eines berühmten Künstlers oder eine Politikerin, geht nicht einem Massenphänomen auf die Spur. Er porträtiert ganz schlicht und sehr privat drei Menschen, die nicht glücklich sind mit ihrer Lebenssituation. Vor der Kamera formulieren sie ihre Wünsche und Sehnsüchte.

Der Kubaner Emilio, sitzend in einem Sessel in seiner Heimat Kuba.

Bildlegende: Der Kubaner Emilio wünscht sich nichts mehr, als einmal über ein schneebedecktes Feld zu gehen. filmcoopi

Die Schweizer Krankenpflegerin Andrea möchte schon seit ihrer Kindheit aus der Schweiz auswandern. Der bosnische Schafhirte Enver möchte der Einsamkeit entfliehen. Und der kubanische Psychiater Emilio fühlt sich in seinem Land eingesperrt und träumt vom Reisen.

Der Regisseur als unsichtbares Insekt

Rolando Colla zeichnet ganz allein mit seiner kleinen Kamera – er sei wie ein «Insekt, das man nicht bemerken soll», sagt er zu seinen Dreharbeiten – nicht nur Gespräche mit den dreien auf, er ist auch immer wieder dabei, wenn etwas geschieht. Etwa, wenn Andrea zu ihrem neuen türkischen Freund in die Türkei reist, wo sie ein Hotel eröffnen möchte. Oder wenn Emilio für einen Auslandseinsatz nach Bolivien reisen kann.

Es sind Menschen mit ganz grundlegenden Bedürfnissen, die Colla porträtiert. Viele der Situationen, der ausgesprochenen Wünsche findet man auch in sich selber wieder. Umso faszinierender anzusehen ist es, wie jedes dieser drei Leben, das von Andrea, das von Enver und das von Emilio, ein Drehbuch schreibt, das man sich auch als Spielfilm vorstellen könnte.

Temopräres Happy End im Schnee

Nicht jede dieser drei Geschichten hat ein so schönes vorläufiges Happy End wie die des Kubaners Emilio, der – pünktlich zum Filmstart in der Schweiz – endlich dank einer Gesetzesänderung in Kuba die Reisefreiheit bekommen hat. Er konnte nicht nur die Deutschschweizer Premiere in Solothurn persönlich präsentieren, sondern sich endlich einen Traum erfüllen, den er im Film immer wieder äussert: «Ich liebe den Schnee und den Winter so sehr. Immer wieder stelle ich mir vor, wie es wäre, über ein schneebedecktes Feld zu gehen. Ich möchte das auch einmal erleben. Die Welt gehört doch allen.»