Soldini und sein feines Gespür für Figuren

Der Film «Pane e tulipani» machte Silvio Soldini, den italienischen Regisseur mit Schweizer Wurzeln, auch international bekannt. An den Solothurner Filmtagen wird sein bisheriges Schaffen mit einer Retrospektive gewürdigt und seine neue Komödie zum ersten Mal in der Deutschschweiz gezeigt.

Porträtaufnahme des Regisseurs

Bildlegende: Silvio Soldini während des Drehs von «Il comandante e la cicogna». Lumière & Company, Ventura Film, RSI-Radiotelevisione Svizzera

Soldinis feines Gespür für seine Figuren ist augenfällig. Seine Filme erzählen von der Normalität des Alltags und vom Leistungsdruck in der westlichen Gesellschaft. Seine Charaktere stehen mitten im Leben und sind doch oft nicht ganz im Gleichgewicht. Sie möchten, wie der junge Mike in Soldinis erstem Kurzfilm «Drimage», ausbrechen und aufbrechen. Sie wollen leben, statt nur lebendig zu sein.

Seine Frauen-Figuren befreien sich

Oft sind es starke Frauen, die sich in Soldinis Geschichten aus ihren Abhängigkeiten befreien. Die Krankenschwester Veronica in «L’aria serena dell’ovest» und das Roma-Mädchen in «Pabe in Un’anima divisa in due» schaffen dies aus eigenem Antrieb.

Andere brauchen für ihre Veränderung einen Fingerzeig von aussen. So brennen in der Gegenwart der Buchhändlerin Agata («Agata e la tempesta») plötzlich Glühbirnen durch und Ampeln bleiben stehen. Rosalba in «Pane e tulipani» wird während einer Busreise auf einer Raststätte vergessen. Und im geregelten Leben von Anna in «Cosa voglio di più» muss erst der verheiratete Domenico auftauchen, damit ihre Liebes- und Lebenslust wieder entfacht wird.

Retrospektive an den Solothurner Filmtagen

Seit «Pane e tulipani» gilt Silvio Soldini als «grande regista» des italienischsprachigen Kinos. Das Programm «Rencontre» der 48. Solothurner Filmtage ist dem Mailänder mit Tessiner Wurzeln gewidmet.

Es gewährt einen tiefen Einblick in sein Werk. Die «Rencontre» zeigt alle zehn Kinospielfilme Silvio Soldinis, darunter als Premiere seine Komödie «Il comandante e la cicogna». Zu entdecken gibt es im Programm auch den «unbekannteren» Soldini. Subtile und persönliche Porträts der Schriftsteller Vivian Lamarque und Grytzko Mascioni, den langen Dokumentarfilm «Rom Tour» sowie drei seiner frühen Kurzfilme.

In Solothurn gibt es sieben Tage lang 15 Filme, drei Gespräche und eine Ausstellung mit Silvio Soldini: «Cosa voglio di più?» – Was will man mehr?