Im Nest des Kollektivs können junge Filmemacher besser brüten

Die Idee ist nicht neu: Schon in den 1970er-Jahren schlossen sich gleichgesinnte Filmschaffende zusammen, um den Ideenaustausch zu pflegen. Fast 50 Jahre später bilden sich überall wieder junge Kollektive. Sie vereinen sich, um pointierte Autorenfilme in einem kreativen Umfeld zu drehen.

Ein Vogel in einer kargen Landschaft. Neben ihm ist ein Hase.

Bildlegende: «They chased my through Arizona»: Ein Film aus dem Kollektiv 8 Horses. 8 Horses

Sie heissen 8 Horses, Terrain Vague, Film Conspiracy oder FOGMA: Das sind nur einige der vielen Filmkollektive, die eingeladen wurden, an den Solothurner Filmtagen über das Arbeiten in Gruppen und Netzwerken zu sprechen. «Bei den jungen Filmschaffenden in den Kollektiven ist der Wunsch wieder da, pointierte Autorenfilme zu drehen», sagt Seraina Rohrer, Direktorin der Filmtage.

Das erinnert an die 1970er-Jahre, als Filmemacher viel ausprobieren wollten, eine neue Art von Handschrift suchten und sich in Gruppen zusammenschlossen. Zum Beispiel zur Groupe 5, zu der die Filmemacher Alain Tanner, Claude Goretta, Jean-Louis Roy, Michel Soutter und Jean-Jacques Lagrange gehörten, der später von Yves Yersin abgelöst wurde. Sie schufen Filme, die man bald als «Cinéma Copain» bezeichnete.

Loses Gebilde von Freunden

Das Kino der neuen Kollektive heute sei tatsächlich vergleichbar mit dem Cinéma Copain der 70er-Jahre, sagt Rohrer: «Das geht zurück auf den Wunsch, dass man die Filme gegenseitig prüft, bevor man an die Öffentlichkeit geht, an die Geldgeber.»

Ein Jugendlich hat eine Kette am Hals. Er ist in einer ländlichen Umgebung.

Bildlegende: «Ein Film wie ein Schlag in die Magengrube»: Jacquemet über «Chrieg». 8 Horses

Der Zürcher Regisseur Mathias Huser hat den Film «They Chased Me Through Arizona» gedreht. Er ist Teil der Gruppe 8 Horses, so wie auch Simon Jaquemet, Regisseur des Dramas «Chrieg» und frisch gebackener Max-Ophüls-Preisträger.

Ihr Kollektiv, erzählt Huser, sei kein fester Verband, sondern ein loses Gebilde aus Freunden, die sich gegenseitig beistehen: «Was wir genau sind, wollen und können wir nicht definieren. Wir sind ein Haufen von Leuten, die ihre Visionen umsetzen wollen.» Autorenfilme zu machen sei über weite Strecken eine sehr einsame Arbeit, sagt Huser. Das Kollektiv sei das Nest, in das man zurückkehren können. Wo man andere treffe, die diese Einsamkeit kennen, wo man sich austauschen könne, sich manchmal neue Ideen und Motivationen holen und über Visionen debattieren könne.

Lange und laute Debattten

Da keine Hierarchien bestehen, können die Debatten lang und laut werden – das kann zu heftigen Diskussionen, manchmal Streit führen. Das empfindet Mathias Huser aber nicht als Nachteil: «Jemand eckt immer mal an, wir haben grosse Diskussionen. Die Nachteile einer offenen, basisdemokratischen Diskussion sehen wir nur, wenn wir über Finanzen oder Administration streiten. Ansonsten ist das ein sprudelnder Haufen von Leuten und Ideen.»

Timon Schäppi ist Kameramann – auch er ist Schweizer, lebt aber in Berlin und hat dort zusammen mit Freunden die Gruppe FOGMA gegründet. Das Kollektiv geht etwas weiter als 8 Horses. FOGMA hat sich Regeln gesetzt. Diese, schreibt FOGMA auf ihrer Homepage, seien da, um beim Filmen eine grössere Freiheit zu erlangen. Freiheit durch Regeln – für Schäppi kein Widerspruch: «Wenn Kreativität keine Grenzen hat, kein abgestecktes Spielfeld, dann ist man eigentlich verloren.» Bei einer Filmproduktion herrsche immer grosse Spannung. Man müsse sich total vertrauen können. Und das sei, so Schäppi, das Schöne, wenn man nicht in einer hierarchischen Struktur wie einem grossen Produktionsbüro drehe.

Druck wegnehmen und gegenseitig stärken

Im Kollektiv seien die Rollen nicht festgeschrieben. Er als Kameramann könne durchaus auch mal bei der Geschichte mitreden, sagt Timon Schäppi: «Wir haben sehr viel an diesem Vertrauen gearbeitet. Meine Arbeit als Kameramann ist es zwar, Bilder zu machen, aber auch, sich mit dem Regisseur zu verbrüdern und sich gegenseitig den Druck und die Angst zu nehmen.»

Druck wegnehmen und sich innerhalb einer Gruppe stärken: Das ist der Hauptzweck der neuen Kollektive, so der Tenor der jungen Filmschaffenden. Es entstehen Ideen im Kreis Gleichgesinnter. Und sie werden geprüft, bevor sie sich dem Druck des kommerziellen Marktes von Kino und Fernsehen beugen müssen.

Das merkt man auch an den Solothurner Filmtagen: Es gibt viele eigenwillige, kraftvolle Autorenfilme zu sehen von jungen Filmschaffenden, die neu auf Festivals zu sehen sind. Es ist zu hoffen, dass solche starken Filme mit ganz eigenen Handschriften auch vermehrt den Weg in die Kinos finden.

50. Solothurner Filmtage

Am 22.1. startete die Jubiläumsausgabe mit einer Rede von Kulturminister Alain Berset und dem Film «Unter der Haut» von Claudia Lorenz. Bis am 29.1. gibt's 32 Filmpremieren, Preise (etwa «Prix de Soleure» und «Prix du Public») und Nominationen für den Schweizer Filmpreis. Die Reihe «L’expérience Soleure» zeigt besonders kontroverse Schweizer Filme.

Sendung zu diesem Artikel

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Kollektive, die sich in Solothurn treffen, sind ganz unterschiedlich.

    Die Renaissance von Film-Kollektiven

    Aus Echo der Zeit vom 26.1.2015

    An den Solothurner Filmtagen dreht sich fast alles um den Schweizer Film. Aber es gibt auch den Blick über die Grenzen und Diskussionen über internationale Entwicklungen im Film, zum Beispiel am Fokus-Tag «Frische Zellen Kollektive und Netzwerke».

    Brigitte Häring