«Still Life» – mit Anstand Abschied nehmen

Immer mehr Menschen leben alleine – die Zahl derer, die unbemerkt sterben, wird immer grösser. Die Hauptfigur in Uberto Pasolinis Film «Still Life» sucht nach den Angehörigen von solch einsam Verstorbenen. Dem Regisseur ist damit eine kleine Ode an die Menschlichkeit geglückt.

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Filmkritik zu «Still Life»

4:12 min, vom 3.4.2014

John May ist ein Beamter in der Stadtverwaltung von London. Seit 20 Jahren versucht er, die Verwandten von einsam Verstorbenen ausfindig zu machen. Mit Hingabe und Gewissenhaftigkeit geht der Beamte ans Werk und steht am Ende trotzdem meist allein am Grab.

Ein Mann steht an einem Kieselstrand und blickt ins graue Meer hinaus.

Bildlegende: Grau in Grau ist die Welt von John May – zumindest zu Beginn des Films. filmcoopi

Alles geht seinen gewohnten Gang – bis Mays Vorgesetzter ihm mitteilt, dass die Abteilung geschlossen wird und John sich einen neuen Job suchen soll. Einen Fall noch darf der Beamte zu Ende führen und die Angehörigen seines verstorbenen Nachbarn Billy Stoke ermitteln.

Das Leben der Anderen leben

John May ist ein Einzelgänger ohne Gefühlsbindung und ohne soziales Umfeld. Was ihn antreibt, ist die Arbeit, die er liebt: Die Suche nach den Angehörigen der Frauen und Männer, die tot aufgefunden werden – alleine in den eigenen vier Wänden – gerät zur Ermittlung, die an Polizeiarbeit erinnert. Wer war der Verstorbene? Was für ein Leben hat er gelebt? Hatte er Freunde? Kinder? Tatsächlich aber ist John May auf der Suche nach sich selbst.

Wundervoller britischer Charakterdarsteller

Ein Mann mittleren Alters mit Krawatte und Aktentasche in der Hand steht auf einem Platz und guckt nachoben.

Bildlegende: John May (Eddie Marsan) ist ein Charakter, der aus der Feder Kafkas stammen könnte. filmcoopi

Mit viel Gespür und Sinn für die Inszenierung begleitet Regisseur Pasolini seine Hauptfigur im Alltag und erforscht dessen Beweggründe und die der unglücklich, weil einsam Verstorbenen.

Eddie Marsan, ein wundervoller britischer Charakterdarsteller, gelingt es perfekt, eine Figur zu verkörpern, deren Existenz sich aus der Hingabe an den Nächsten nährt. Es gelingt dem Schauspieler, selbst den allmählichen Wandel anzudeuten, den John May mit seinem letzten Auftrag durchlebt. Während die Geschichte in kurzen Sequenzen weiter geht, haben wir als Zuschauer teil am Rollentausch zwischen May und Billy Stoke, seinem letzten Toten.

Neue Wege, neue Farben

John May verlässt, beeinflusst von Stokes Lebenslauf, die eigene Routine, trifft dessen Kriegskameraden aus Falklandzeiten, geht mit Stokes Tippelbrüdern einen Trinken, hat eine unausgegorene und nicht gelebte Gefühlsregung für dessen Tochter.

Ein Wandel, den Regisseur Pasolini in seiner Inszenierung widerspiegelt: Er ändert den Blickwinkel und lässt den Beobachteten zum Beobachter werden, der mit seiner Umwelt interagiert. Auch in der Fotografie findet dieser Wandel seine Umsetzung – allmählich breitet sich Farbe aus im Grau in Grau des Alltags.

Eine Ode an die Menschlichkeit

Es sind tiefsinnige, intime und universale Themen, die Regisseur Uberto Pasolini – übrigens mit Luchino Visconti und nicht mit Pier Paolo Pasolini verwandt – in «Still Life» mit Delikatesse abhandelt. Mit Besessenheit für das kleinste Detail und mit der Hilfe eines grossartigen Eddie Marsan in der Hauptrolle, ist Pasolini ein Film geglückt, für den er vergangenes Jahr in Venedig den Preis der Sektion Orizzonti entgegennehmen durfte. «Still Life» ist ein Geschenk, eine Ode an die Menschlichkeit, ein Film, den man nicht verpassen sollte.