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Film & Serien Streitende Pärchen im Zeichen der Demokratie

Politik in Liebeskomödien? Die klassischen Screwball-Kömodien aus den 1930er-Jahren brachten einen bis heute vergnüglichen Kampf der Geschlechter in die Kinos. Etwas weniger geläufig ist, dass diese Filme auch fleissig demokratische Werte hochhielten.

Man sieht Rosalind Russell. Sie ist umgeben von Cary Grant und Ralph Bellamy.
Legende: Demokratie in Hollywood: Verkrachte Ehepaare finden wieder zueinander. Wie in «His Girl Friday». Wikimedia

Fast jede Screwball-Komödie aus den 30ern funktioniert nach dem gleichen Schema: Eine Frau und ein Mann streiten sich, necken sich, hintergehen sich, verfolgen sich und verpassen sich gar Kinnhaken, bevor sie sich zum Happy End (wieder) in die Arme fallen. Auslöser der Konflikte zwischen den Geschlechtern kann eine sozial ungleiche Situation der beiden Figuren sein, ein Missverständnis, eine Verwechslung, eine Lüge, eine kompetitive Situation, ein entgegengesetztes Interesse oder ein Dreiecksverhältnis – meist ist es eine Kombination dieser Faktoren.

Diese Screwball-Komödien stehen – wenn auch nur durch die Hintertür – bei allem Übermut und Schabernack im Zeichen der demokratischen Ideale Roosevelts und dessen «New Deal». Ziel von Roosevelts Politik war es, neben etlichen Wirtschafts- und Sozialreformen, der von der Wirtschaftskrise gebeutelten amerikanischen Bevölkerung eine neue moralische Kraft und ein neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. Und das taten die Screwball-Komödien sehr fleissig.

Ein grunddemokratisches Prinzip der Screwball Comedy liegt auf der Hand: Es ist nicht mehr der Mann, der die Frau verführt – oder umgekehrt – sondern die Verführung ist gegenseitig. Weil sich neckt, was sich liebt, wird der Flirt zu einem Kräftemessen, das jeweils mit einem Kompromiss enden muss, wenn es zum Kuss kommen soll. Doch diese radikale Form der Gleichberechtigung ist nur ein Teil des demokratischen Untertons dieser Filme. Eine These, die sich anhand von vier Beispielen illustrieren lässt:

1. It Happened One Night (1934) von Frank Capra

Claudette Colbert and Clark Gable im Film «It happened in one night».
Legende: Die Figuren «erden»: So hält die Demokratie in Filmen wie «It happened one night» Einzug. Wikimedia , Link öffnet in einem neuen Fenster

Ein Reporter (Clark Gable) erkennt in einem Nachtbus die entlaufene Tochter einer steinreichen Familie (Claudette Colbert). Er wittert die grosse Story und begleitet sie auf ihrer Flucht. Die Demokratisierung Hollywoods ist spürbar in der Bemühung der Autoren, die ursprünglich als kultiviert gedachten Figuren zu «erden»: Der Mann ist kein stilsicherer Kolumnist, sondern ein rauhbeiniger Sensationsschreiberling, und die Frau ist keine elitäre Millionärstochter, sondern sie verzichtet auf das Vermögen ihrer Eltern. Das soziale Gefälle zwischen den beiden Figuren ist somit aufgehoben – Frau und Mann begegnen sich auf der Strasse und exakt auf Augenhöhe. Die Absage ans grosse Geld – beziehungsweise die gerechte Verteilung davon – ist eine Grundkonstante im Werk Capras, und natürlich ist sie perfekt im Einklang mit Roosevelts «New Deal».

2. Nothing Sacred (1937) von William A. Wellman

Ein Journalist (Frederic March) schreibt Stories über eine junge Frau vom Land (Carole Lombard), die aufgrund einer Radiumvergiftung todgeweiht sein soll. In Tat und Wahrheit ist die Dame kerngesund und über die Fehldiagnose informiert, doch da sie den Presserummel geniesst, behält sie das für sich. Die Drehbuchautoren interessieren sich vor allem für die Heuchelei, die der vermeintlich Sterbenden zuteil wird: Diverse Obrigkeiten versuchen, aus der «tragischen» Geschichte Kapital zu schlagen. Herausgelesen kann aus diesem Stoff die Aufforderung, sich nicht manipulieren zu lassen, sondern auf Eigeninitiative zu setzen: Ein weiterer Kernpunkt in Roosevelts Politik.

3. His Girl Friday (1940) von Howard Hawks

Ein Zeitungsredakteur (Cary Grant) will verhindern, dass seine Starreporterin und Ex-Frau (Rosalind Russell) sein Blatt verlässt und betraut sie daher mit einer brandheissen Story. Immer wieder finden in den Screwball-Komödien getrennte oder verkrachte Ehepaare über Umwege zurück zueinander. Der Philosoph Stanley Cavell spricht von «comedies of remarriage». Der Kontext ist klar: In den USA steigt die Scheidungsrate, und die Autoren bemühen sich daher, die Ehe als erstrebenswertes und zu erhaltendes Gut zu zeigen. Interessant: Zentral an der Ehe ist in den Screwball-Filmen nicht die erfüllte Liebe, sondern der Spass (inklusive Sex), den verheiratete Menschen miteinander haben.

4. Sullivan's Travels (1941) von Preston Sturges

Joel Mccrea als Strandstreicher in einem Auto mit Veronia Lake.
Legende: Hat sich als Landstreicher verkleidet unter die Hablosen gemischt: Joel McCrea. Wikimedia , Link öffnet in einem neuen Fenster

Ein Hollywood-Komödienregisseur (Joel McCrea) möchte ins sozialrealistische Genre wechseln und mischt sich deshalb mit einer Möchtegern-Schauspielerin (Veronica Lake) als Landstreicher verkleidet unter die Hablosen, um dort Erfahrungen zu sammeln. Doch das zynische Experiment geht schief. Sturges karikiert die vermeintliche Demokratisierung Hollywoods und entlarvt sie als blosse Anbiederung aus dem Elfenbeinturm heraus. Sein Fazit: Statt unreflektiert das Elend der Leute abzubilden, würde man sich in Hollywood besser darauf konzentrieren, das Volk einfach zum Lachen zu bringen.

Teil 1

Wie die Demokratie in Hollywood Einzug hielt lesen Sie hier.

«Ich, die Mehrheit»

Demokratie – alle finden sie gut und doch gehen immer weniger an die Urne. Wird Demokratie zur Nebensache? «Nie und nimmer!», sagt Pony M. Im SRF-Projekt «Ich, die Mehrheit» stellte sich die Bloggerin der direkten Demokratie und liess die Mehrheit vom 27. April bis am 18. Mai 2014 über ihr Leben abstimmen.

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