«Taxi Teheran» – ein nach Europa geschmuggeltes Schelmenstück

Trotz 20-jährigem Arbeitsverbot hat der iranische Regisseur Jafar Panahi einen Weg gefunden, einen Film zu drehen und ihn heimlich nach Berlin zu schmuggeln. Dort gewann er dieses Jahr den Goldenen Bären – zu Recht. «Taxi Teheran» ist ein liebenswertes Schelmenstück – ein grosses Vergnügen.

Zwei Frauen mit Kopftuch in einem Taxi, eine hält ein Aquarium.

Bildlegende: «Taxi» überzeugt mit Raffinesse und Witz. filmcoopi

Wie schon 2011 mit «In Film Nist» («This is not a Film») filmt Panahi auch in «Taxi» einfach wieder sich selber. Dieses Mal allerdings nicht dokumentarisch, sondern in einem Setup, das er seinem Landsmann Abbas Kiarostami abgeguckt hat. Der hat 2002 für seinen Film «Ten» zehn Gespräche in einem Auto gefilmt, Gespräche zwischen der Fahrerin und diversen Personen. Panahi hat das Konzept angepasst und filmt sich selber als Taxifahrer in einer fliessenden, drollig reduzierten Inszenierung.

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Trailer «Taxi Teheran»

1:51 min, vom 2.7.2015

Gespräche auf dem Rücksitz

Jafar Panahi sitzt am Steuer eines Taxis und nacheinander steigen Passagiere zu. Es beginnt mit einem jungen Mann, der die Todesstrafe fordert für die Strassenräuber, die einem armen Mann die Räder vom Auto geklaut haben – und einer Lehrerin auf dem Rücksitz, die vehement dagegen argumentiert. Beim Aussteigen spielt der junge Mann seinen letzten Trumpf aus und gibt sich der Lehrerin gegenüber als Strassenräuber zu erkennen. Er würde allerdings nie arme Leute beklauen.

Der nächste Fahrgast erkennt dann nicht nur Jafar Panahi, sondern auch das Zitat aus einem seiner Filme. Und entpuppt sich als kleinwüchsiger, schlitzohriger Händler illegaler DVDs. Er ist der Mann, der auch schon Panahi mit Woody Allen versorgt hat, und seinen Sohn mit anderen im Iran nicht erhältlichen Filmen.

Täuschend einfach


Filmkritik: «Taxi Teheran»

2:56 min, aus Kultur kompakt vom 02.07.2015

Das Kamera-Setup ist auf den ersten Blick täuschend einfach: Zwei Kameras sind auf dem Armaturenbrett montiert, eine von ihnen dreht Panahi hin und wieder, sie dient wechselnd als Frontkamera mit Blick auf die Strasse oder als Rückkamera mit Blick auf den Beifahrersitz. Eine zweite Kamera ist auf Panahi selber gerichtet und eine weitere auf die Rückbank.

Zwischen den Kamerablickpunkten wird geschnitten, am Anfang des Flims weniger, später mehr. Und zusätzlich kommt dazu noch Material, das Fahrgäste mit dem Mobiltelefon aufnehmen, oder später Panahis Nichte Hannah mit ihrer kleinen Digitalkamera für eine Schulaufgabe.

«Ich muss weiter Filme machen»

Jafar Panahi sagt über sich selber: «Ich bin Filmemacher. Ich kann nichts anderes als Filme machen. Mit Kino drücke ich mich aus, es ist mein Leben. (...) Ich muss unter allen Umständen weiter Filme machen, um der Kunst Respekt zu erweisen und mich lebendig zu fühlen.» Mit «Taxi Teheran» ist ihm das einmal mehr höchst originell und eindrücklich gelungen.

Blick in ein Auto mit einem Fahrer und einem Mann auf dem Rücksitz, der lächelnd nach vorne schaut.

Bildlegende: Regisseur Jafar Panahi in seinem Taxi. filmcoopi

Nachdem am Anfang die Todesstrafe und Strafen überhaupt (höchst witzig und unterhaltsam) diskutiert werden, werden später andere Themen ähnlich leichtfüssig aufgenommen: Zensur und Vorschriften für Filmemacher, zum Beispiel über die Regeln, welche Hannah von ihrer Lehrerin bekommen hat, bis zu dem Umstand, dass ein Mann nicht einmal jene verzeigt, die ihn maskiert beraubt haben. Weil er sie erkannt hat und ihre Not kennt – und wohl auch, weil die Solidarität der Bürger grösser ist (oder sein sollte) als ihre Verbundenheit mit dem diktatorischen Gottesstaat.

Dramaturgischer Kniff

Bei all den ziemlich eindeutigen Aussagen, die der Film macht, lässt sich Panahi doch nie eindeutig auf etwas behaften. Rein formal sitzt er als Fahrer ja bloss da und hört zu. Und wenn ihm der kleine Schwarzmarktfilmhändler erklärt, er sei eigentlich eher Kulturschaffender, oder zumindest Kultur-Ermöglicher, weil er Filme unter die Leute bringt, die verboten sind – dann widerspricht ihm Panahi nicht, stimmt ihm aber auch nicht direkt zu.

Der raffinierteste dramaturgische Kniff folgt am Ende. Panahi und seine Nichte verlassen das Auto, um zwei älteren Damen ihr vergessenes Portemonaie zu bringen. Und derweil fährt ein Roller vor, ein Vermummter steigt ab, schlägt (das ist nur zu hören) eine Scheibe ein und reisst die Kameras weg. Das Bild wird dunkel und das letzte, was man hört ist der Ausruf «Keine Speicherkarten».

Zensierter Abspann

Ein Mädchen mit einem Kopftuch sitzt im Taxi und fotografiert.

Bildlegende: Auch Panahis Nichte Hannah macht mit im Film. filmcoopi

Das kann auf mindestens zwei fiktive Arten interpretiert werden: Entweder haben diese Diebe das Material geschnitten und ausser Landes gebracht und damit den Film ermöglicht. Oder aber, die Kameras hatten tatsächlich keine Speicherkarten, sondern funkten die Aufnahmen an den Revolutionswächtern und ihren Geheimpolizisten vorbei auf einen externen Server. Wie auch immer: Statt eines Abspanns folgen nur ein paar Titel, in denen Jafar Panahi erklärt, Abspänne müssten grundsätzlich der Zensur vorgelegt werden und darum habe er schweren Herzens darauf verzichtet.

«Taxi» ist eine raffinierte Eulenspiegelei, ein witziges und wahrscheinlich auch wieder nicht ungefährliches Spiel mit dem Feuer und der Ungerechtigkeit. Und einer jener Filme, die zwangsläufig dazu führen, dass man wieder einmal mit schlechtem Gewissen und leicht schockiert die Kunst bewundert, die entsteht, wenn die Zensur originelle Umgehungen ihrer selbst erzwingt.