«The Visit»: Was Experten über den Besuch von E.T. und Co. denken

Wie entsteht ein Dokumentarfilm über etwas, das so (noch) nie stattfand: über den Besuch von Ausserirdischen auf der Erde? Regisseur Michael Madsen interviewte dazu Experten, die sich mit dem fiktiven Ereignis beschäftigen. Ihre Antworten verraten vor allem viel über uns Menschen.

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«The Visit» nimmt den Gastgeber ins Visier

4:19 min, aus Kulturplatz vom 7.10.2015

Es ist ein altbekannter Stoff, gemacht für einen Science-Fiction-Film: Ausserirdische landen auf dem Planet Erde. Neu hingegen ist der Versuch, aus dem Stoff einen Dokumentarfilm zu drehen. Der dänische Regisseur Michael Madsen hat genau das gemacht.

In «The Visit» geht Madsen der Frage nach: Was geschieht, wenn ausserirdische Lebewesen bei uns auf der Erde landen? Die noch nie dagewesene Situation wird zur Spurensuche, die ihn zu verschiedenen, weltweit führenden Experten aus Wissenschaft und Politik führt. Etwa zum Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen, zu Biologen, Ingenieuren, Juristen oder Theologen.

Ein Mann in einem weissen Anzug mit Helm und Visir.

Bildlegende: John Rummel: Vorsitzender von COSPAR, dem Gremium zum planetaren Schutz. Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Die Ehrlichkeit erstaunt

Michael Madsen hat seine Protagonisten mit der Eventualität konfrontiert und dazu eingeladen, das Gedankenexperiment durchzuspielen. Die Ehrlichkeit, mit der sich die Experten der spekulativen Situation stellen, erstaunt. «Um diese Vertrauensbasis aufzubauen, waren sehr viele Vorgespräche nötig», sagt Michael Madsen.

Zudem hat er seinen Protagonisten einen ausführlichen Fragebogen als Vorbereitung zusammengestellt, damit sich diese besser auf die imaginierte Situation vorbereiten konnten. Schliesslich wird man nicht täglich gebeten, in einem Dokumentarfilm über eine noch nie dagewesene Situation Auskunft zu geben. Gefragt wurde etwa: «Welche Kleidung würden Sie tragen, wenn Sie wüssten, dass Sie ein Treffen mit einem Ausserirdischen haben?».

Über den Umgang mit Fremden

Das Spekulative hat Michael Madsen gereizt: «Dadurch lassen sich die Grenzen unserer Wissenschaft entdecken und gewissermassen auch überschreiten, da das Bekannte auf das Unbekannte trifft. Vieles, was wir unhinterfragt als gegeben betrachten, gerät ins Wanken», sagt Madsen.

Porträt von einem Mann mit Brille und schwarzem Pullover.

Bildlegende: «Zeit für den fremden Besuch»: Regisseur Michael Madsen. Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Schnell entwickelt sich der Film denn auch zur Parabel und es wird klar: Nicht die Ausserirdischen interessieren Michael Madsen, sondern wir, die Gastgeber, die Menschen. Wie ist unser Umgang mit dem Fremden? Wie reagieren wir, wenn wir in Situationen geraten, die wir nicht kennen und die uns Angst machen?

Dabei wird in «The Visit» zu keinem Zeitpunkt der moralische Zeigefinger erhoben. Es sind die einfachen, manchmal fast kindlichen Fragen, die Michael Madsen stellt, und die zum Nachdenken animieren. Der Regisseur ist sich dabei bewusst, dass sein Film, an dem er über drei Jahre gearbeitet hat, auch an Bilder des Flüchtlingsdramas erinnert. «Das war keine Absicht, sondern ist vielmehr ein tragischer Zufall. Der Film sollte von Anfang an ein Spiegel unserer Gesellschaft sein. Aber die Angst vor dem Fremden lässt sich auch an den Grenzen Europas beobachten.»

Ehrlicher Blick auf uns selbst

Der Ansatz mit den Ausserirdischen mag auf den ersten Blick aussergewöhnlich erscheinen, ja geradezu abstrakt. Aber gerade dadurch können wir einen neuen, gnadenlos ehrlichen Blick auf uns selbst werfen – das macht Michael Madsens Film sehenswert.

Und was würde er, der Regisseur, tragen, wenn er vom bevorstehenden Treffen mit einem Ausserirdischen wüsste. «Nun, ich glaube, was ich trage, ist gar nicht so wichtig. Wichtig erscheint mir, im Moment präsent zu sein, Zeit mit dem fremden Besuch zu verbringen.»

Kinostart: 8.10.2015

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