«Tokyo Drifter»: Ästhetischer Gangsterkult

Mit «Tokyo Drifter» hat der japanische Filmemacher Seijun Suzuki Mitte der 1960er-Jahre neue ästhetische Massstäbe für das Gangsterkino gesetzt. Und damit Quentin Tarantino beeinflusst. Der Film verschlechterte allerdings auch Suzukis ohnehin schon angespanntes Verhältnis zu den Studio-Bossen.

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Filmschatz: «Tokyo Drifter»

4:49 min, vom 6.4.2016

Rund 40 B-Movies hatte Seijun Suzuki schon im Auftrag der Nikkatsu-Filmgesellschaft gedreht, als ihm das recht vorausschaubare Drehbuch zu «Tokyo Drifter» vorgelegt wurde. Es sollte ein einfacher Yakuza-Streifen werden. Ein Film über Gangster, die sich im Gangster-Jargon über Gangster-Dinge unterhalten. Mehr nicht.

Zu oft schon hatte der Regisseur die Nikkatsu-Bosse mit seinen exzentrischen Experimenten verärgert. Da war zum Beispiel die Kampfszene in «Tattooed Life» (1965): Der Held und sein Gegner kämpfen mit Schwertern in einem traditionellen japanischen Holzhaus auf einem Parkettboden. Doch plötzlich sieht der Zuschauer die beiden von unten durch eine Glasfläche.

Zwei Männer kämpfen um eine Pistole.

Bildlegende: Tetsuya Watari (links) spielt den Titelhelden in «Tokyo Drifter». DDP

Eine regelrechte Pop-Art-Parodie

Solche Einfälle hatten letztendlich zur Folge, dass Suzukis Budget für «Tokyo Drifter» drastisch gekürzt wurde. Damit wollte man bei Nikkatsu die visuellen Spielereien des Regisseurs auf ein Mindestmass beschränken – erfolglos. Nie zuvor waren seine Szenenbilder bunter.

Der Yakuza-Film geriet durch seine farbenfrohe Inszenierung zu einer regelrechten Pop-Art-Parodie. Dazu kommt ein spürbares Spaghetti-Western-Flair – zu der Zeit das aufstrebende Genre in der westlichen Kinowelt.

Eine Trotzreaktion?

Auch vor klaren Sprüngen in der Dramaturgie schreckte Suzuki nicht zurück. So baut er sekundenlang die Spannung vor einem Pistolenduell auf, nur um auf die nächste Szene zu wechseln, bevor dessen Ausgang gezeigt wird.

Suzuki selbst beteuerte in einem Interview gut 30 Jahre nach der Veröffentlichung des Filmes, das alles habe nur der Unterhaltung gedient. Kennt man die Vorgeschichte, vermutet man dahinter eher eine Trotzreaktion.

Seijun Suzuki posiert für ein Foto.

Bildlegende: Späte Anerkennung: Regisseur Seijun Suzuki. Keystone

Reis mit sexueller Konnotation

Noch weiter trieb es Suzuki mit seinem nächsten Gangsterstreifen – einem Schwarzweissfilm. «Branded to Kill» (1967) heisst dieser und ist an Absurdität nicht zu übertreffen. Kein Wunder: War doch Suzuki selbst für die Neuverfassung des Drehbuchs verantwortlich. Und so bekamen es seine Vorgesetzen mit einem Auftragskiller, den der Geruch von kochendem Reis sexuell stimuliert, zu tun.

Damit hatte der Regisseur die letzte Rate seines Vertrauensvorschusses verprasst. Nach über 40 Filmen in elf Jahren wurde er entlassen. Die Begründung: Seine Filme wären unverständlich und nur für ein exklusives Publikum geeignet. Daraufhin verklagte Suzuki die Nikkatsu-Filmgesellschaft auf Vertragsbruch und Schadenersatz. Zudem verlangte er eine öffentliche Entschuldigung. Auf die wartete er vergebens – dafür landete der Filmemacher für fast zehn Jahre auf der Schwarzen Liste aller japanischen Filmproduktionsfirmen.

Beatrix steht umzingelt von Feinden auf einem Glasboden.

Bildlegende: In «Kill Bill» lassen sich gleich mehrere Anspielungen auf «Tokyo Drifter» finden. IMAGO

Anhänger auch im Ausland

Suzukis Comeback verlief umso erfolgreicher: «Zigeunerweisen» (1980), sein zweites Werk als unabhängiger Filmemacher, wurde von den einheimischen Filmkritikern zum besten japanischen Film der 1980er-Jahre gewählt. Seither sind Suzukis Filme auch ausserhalb seines Heimatlandes auf immer mehr Begeisterung gestossen.

Das ist auch damit zu begründen, dass US-Regisseure wie Jim Jarmusch oder Quentin Tarantino ihre Bewunderung für den japanischen Altmeister ausgedrückt haben. Letzterer liess sich besonders für «Kill Bill» (2003) unübersehbar von «Tokyo Drifter» inspirieren.