«Traumland» zeigt Zürichs Strassenstrich mit gnadenloser Härte

Der Film «Traumland» von Petra Volpe ist ungewohnt starkes Schweizer Kino: Einsame und verbissene Menschen kreuzen den Weg einer jungen Frau auf dem Zürcher Strassenstrich. Ein Film, in dem die Kälte des Winters mit der Kälte der Herzen wetteifert – so beklemmend, dass es weh tut.

Video «Trailer zu «Traumland»» abspielen

Trailer zu «Traumland»

1:50 min, vom 19.2.2014

Dieser Film ist so etwas wie das Gegenstück zu Men Lareidas Strassenstrich-Geschichte «Viktoria – A Tale of Greed and Grace», der im Januar an den Solothurner Filmtagen uraufgeführt wurde. Er ist aber auch eine Art Antwort auf Christoph Schaubs «Happy New Year» von 2008.

«Traumland» spielt am Tag von Heiligabend in Zürich und folgt den Schicksalen von einzelnen Menschen und ihren Angehörigen. Vier von ihnen haben im Verlauf des Tages zu tun mit einer jungen Prostituierten aus Bulgarien, und alle verraten sie sie – und damit sich selber.

Gemeinsam einsam in Zürichs Nacht

Ein einsamer Mann an einem Tisch im Altersheim, ein anderer fährt im Rollstuhl an ihm vorbei

Bildlegende: Die Figuren in Petra Volpes neuem Film: Halb wahnsinnig vor Einsamkeit. Filmcoopi

Da ist die von Ursina Lardi gespielte Frau eines Kunden von Mia, die erst ihren Mann zur Rede stellt, und später bei der jungen Frau in Erfahrung zu bringen sucht, was genau den Mann angezogen haben könnte. Ein anderer Kunde wird von André Jung gespielt. Er lädt Mia aus lauter Einsamkeit gegen Bezahlung zum Essen zu sich nach Hause ein und verleugnet sie dann absolut erbärmlich, als sich wenigstens ein Teil seiner Familie doch noch am Tisch einfindet.

Bettina Stucky wiederum ist die Sozialarbeiterin, welche Mia in der Anlaufstelle zu helfen versucht. Und Marisa Paredes die spanische Dame im Mietshaus, welche ihre eigene Einsamkeit gegen die junge Frau richtet und ihr, ohne es zu ahnen, den letzten Fluchtweg zerstört.

Kalt, verloren, komisch

«Traumland» ist ein extrem konsequenter Film; die Einsamkeit und das Elend der Figuren kontrastieren mit ihren Situationen, die Kamera löst die nächtlichen Lichter der Stadt immer wieder in farbige Unschärfen auf, und im Hintergrund taucht des öfteren der Zürcher Prime Tower auf, wie das böse allmächtige Auge von Mordor in «Lord of the Rings».

Dabei ist «Traumland» das Gegenteil eines Fantasyfilms. Selten wurde die urban gezeichnete Vereinzelung konsequenter und drastischer ins Bild gerückt. Die Gestaltung ist nicht nur bei der Kameraarbeit geprägt von kaltem Urban Chic, sondern auch in einzelnen Wohnungen, vor allem bei der schwangeren Mutter mit dem fremd gehenden Mann.

Die Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit der meisten Protagonisten wird im übrigen noch betont durch die zum Teil bewusst komische Montage und einzelne messerscharf überzeichnete Familienszenen am Esstisch. Wenn etwa der Sohn der schwangeren Frau seinen Kopf auf den Bauch der Mutter legt und diese lächelnd fragt: «Strampelt es?» dann strampelt nach dem nächsten Schnitt André Jung auf einem Hometrainer. Bloss erweckt die Einstellung zunächst den Eindruck, seinem rhythmischen Keuchen liege eine ganz andere Tätigkeit zugrunde.

Der knallharte Blick der Regisseurin

Wenn der Schwiegervater am Esstisch Schopenhauer zitiert mit dem Ausspruch, die Prostituierten seien die Opfer auf dem Altar der Monogamie, dann tönt das so satt pervers wie die Versuche seiner Frau, die Schwiegertochter damit zu trösten, dass die Männer halt so seien – ohne dass am Tisch konkret angesprochen worden wäre, was denn eigentlich passiert ist.


Michael Sennhauser über «Traumland»

2:50 min, aus Kultur kompakt vom 21.02.2014

Traumland ist gestalterisch und dramaturgisch beklemmend konsequent – so sehr, dass man im Kinosaal unwillkürlich eine Schutzhaltung aufzubauen versucht. So viel Niedertracht, Dummheit, Verlorenheit und so viel ungebremster Egoismus ohne Ziel und Zweck, das tut weh. Der Strassenstrich wird mit gnadenloser Härte inszeniert. Hier ist ganz klar eine Frau am Werk, deren Blick und Perspektive nichts zur Diskussion stellen, sondern knallhart konstatieren. Das ist ein extremer Kontrast zum austarierten, abwägenden Blick auf die Prostitution, wie er in Men Lareidas «Viktoria» aufscheint.

Eindrücklicher Film mit grossartigen Schauspielern

Frau mit verbundenen Augen auf Bett, man sieht nur ihr Gesicht, im Hintergrund öffnet ein Mann seine Hose.

Bildlegende: Liebe kann manchmal kälter sein als der Tod. Filmcoopi

Wenn die alte Spanierin in der Kirche voller Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid eine Kerze anzündet, dann wird man dieses Bild eben so wenig los wie jenes vom Ende von Mia, welches zu den verstörendsten und härtesten dieses Zürcher Traumlandes überhaupt zählt.

Es bleibt einmal mehr die Frage, wie weit die Wirkung eines Filmes reicht, gegen dessen Ansturm man sich unwillkürlich zu wehren beginnt. Aber unzweifelhaft ist Petra Volpe hier ein eindrücklicher Beweis filmischen Könnens gelungen.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler dahinter sind grossartig: Ursina Lardi und David Striesow, Stefan Kurt und Bettina Stucky, die Spanierin Marisa Paredes, der unverwüstliche André Jung und schliesslich die Entdeckung Luna Zimic Mijovic als Prostituierte Mia. Zusammen bilden sie einen Strauss tödlich schöner Eisblumen an dunklen, kalten Fensterscheiben.

SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.