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TV-Serien: Kult und Kultur «Lüthi und Blanc» – die unsterbliche TV-Geschichte

Sie sind längst Geschichte, aber immer noch lebendig - und für Fernsehverhältnisse unsterblich: die netten und weniger netten Heldinnen und Helden der längsten Serie des Schweizer Fernsehens.

Ein Gruppenbild der Darsteller von «Lüthi und Blanc»: Benjamin Fueter als Thomas Lüthi (hinten l.), Isabelle von Siebenthal  als Catherine Lüthi (hinten 2.v.l.), Hans Schenker als Martin Lüthi (hinten 2.v.r.), Stefanie Stämpfli als Julia Lüthi; (hinten r.), Hans Heinz Moser als Jean Jacques Blanc (vorne l.), Linda Geiser als Johanna Blanc (vorne r.) (Copyright SRF/Eric Bachmann)
Legende: Gruppenbild von «Lüthi und Blanc» Benjamin Fueter, Isabelle von Siebenthal, Hans Schenker, Stefanie Stämpfli, Hans Heinz Moser und Linda Geiser. SRF

Der Schoggikönig Jean Jacques Blanc, der fiese Banker Frick, die lebenshungrige Maja von der Calvados-Bar, die kämpferische Catherine, der ewige Zweite Martin, die Stehauffrau Lisbeth und alle anderen «Guten» und «Bösen», die zur weitverzweigten Grossfamilie von «Lüthi und Blanc» gehören. 1999 bis 2007 sorgen sie Sonntag für Sonntag in den Wohnzimmern des Deutschschweizer Fernsehpublikums für Spannung und Aufregung.

Vor dem Anfang beinahe das Aus

Vor dem Start räumt kaum einer der Serie eine Chance ein. Die Prognose: Die Blancs aus Ste-Croix und die Lüthis in Zürich kommen nicht über die erste Staffel hinaus. Nicht einmal der damalige Fernsehdirektor Peter Schellenberg, der in einem Anflug von Mut und Vertrauensvorschuss beschliesst, dass das Schweizer Fernsehen eine langlaufende Soap braucht, glaubt so richtig daran. Die finanzielle Zusicherung von Generaldirektor Armin Walpen für den Fall, dass die Serie in allen drei Landsteilen spielt, ist eher Bürde als Erfolgsrezept. Doch die Bürde wandelt sich zu einer inspirierenden Vorlage für die Autorin Katja Früh. Das Ergebnis sind greifbare Charaktere aus der ganzen Schweiz, die Früh dank Ihrer Erfahrung von Hörspielen erschafft. Sie weiss, wie echte Menschen reden.

Legende: Video Making Of «Lüthi und Blanc» abspielen. Laufzeit 28:03 Minuten.
Aus Bonusmaterial Serien vom 30.08.2011.

Nach dem Anfang ist kein Ende in Sicht

Der Startschuss ist gefallen: Auf Papier und am PC, in Redaktionsstuben und in Sitzungszimmern, später im Produktionsstudio und am Schneidetisch. Die Kopfgeburten aus dem Drehbuch erwachen zum Leben. Normaler Alltag für die Profis vor und hinter der Kamera, doch eines haben Serienfiguren den Kolleginnen und Kollegen im Spielfilm voraus: sie verschwinden nicht im Archiv, sondern leben weiter.

Wer am Anfang noch gegen die Fortsetzung gewettet hatte, wurde nach den ersten 26 Folgen eines Besseren belehrt. Die Serie findet beim Publikum Anklang, und so wird eine zweite Staffel in Auftrag gegeben. Durch die Arbeit der Schauspieler und der Autoren entwickeln die Figuren ein Eigenleben, nach dem sich alle Beteiligte richten müssen.

Aus einer Autorin wird eine Autorenriege

Jetzt braucht Katja Früh Hilfe. Allein kann sie die nächsten 33 Folgen nicht schreiben. Bald sind es drei, bald fünf sogenannte «Masters of the Universe», Meister des Lüthi-Und-Blanc-Universums, die den Figuren zeigen sollen, wo’s lang geht. Das tun sie auch - in temperamentvollen Retraiten werden Ideen gewälzt und wieder verworfen: Würde sich Catherine in den langweiligen Rohner verlieben? Und was geschieht mit der Rolle Rohner, als der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart beschliesst, Lüthi und Blanc zu verlassen? Soll die Figur sterben, oder nur nach Australien auswandern?

Das Eigenleben der Figuren

Die Macht aller Autoren schwindet, je länger eine Serie läuft. Sie müssen immer mehr Rücksicht auf die Vorgeschichte der Figuren nehmen. Deren Vorlieben und Empfindlichkeiten existieren nicht mehr bloss in den Köpfen der Autoren und geheimen Computerdateien, sondern leben auf dem Bildschirm weiter und sind den Zuschauern bekannt. Je länger die Schauspieler ihre Rollen spielen, desto besser wissen sie über ihre Figuren Bescheid – ihrer Ansicht nach meist besser als die Autoren selbst. Doch es wird noch komplizierter: Wenn den Schauspielern im realen Leben etwas passiert, bleibt das für die Handlung der Serie nicht ohne Folgen. Was passiert, wenn eine Schauspielerin schwanger wird?

Schwangerschaft  und andere Schwierigkeiten

Eine blonde Frau, Katharina von Bock, spielt die Rolle der Sabina Köster. Im Hintergrund stehen zwei Kunststücke.
Legende: Katharina von Bock spielte Sabina Köster. SRF

So geschehen bei der Schauspielerin Katharina von Bock. Mitten in die Drehbucharbeit platzt die Nachricht, dass die Schauspielerin schwanger ist. Sie spielt Sabina, Fricks Kindermädchen. Sabina ist Single, ein glaubwürdiger Kindsvater ist nicht in Sicht und in wenigen Wochen werden ihre anderen Umstände nicht mehr zu kaschieren sein. Was tun? Sabina auf eine Weltreise schicken oder die Schwangerschaft in die Story einbauen? Die Autoren entschieden sich für den Einbau. Sie wurde Leihmutter. So konnte die Serie Moralfragen rund um das Thema aufwerfen. Es spielt jedoch bereits ein Kind in der Serie mit und noch eins kann die Produktion am Set nicht verkraften: Der Aufwand ist zu gross. Deshalb reist Sabine für die Geburt nach Holland und kommt nach kurzer Zeit ohne Baby wieder zurück.

Wiederauferstehung der Toten und andere Tricks

Neben Geburten ist der Tod die zweite grosse Herausforderung für die «Masters of the Universe». Für die Figur Rohner wurde nach dem Ausstieg des Schauspielers Müller-Drossaart das Todesurteil gefällt. Der ehemalige CEO der Schoggifabrik kommt bei einer Kollision mit einem Reh ums Leben. Eine Wiederauferstehung, hätte Hanspeter Müller-Drossaart zur Serie zurückkehren wollen, wäre nur mit Hilfe Tricks möglich gewesen.

Lucky sitzt im Vordergrund und sieht zu Tonia Maria Zindel hoch, die den Bub Noel Wigger auf dem Arm hält.
Legende: Bernard Michel spielte Lucky Schmid (sitzend). SRF

Ein gnädigeres Schicksal war dem Darsteller von Lucky vergönnt, dem schwulen Freund von Thomas Lüthi. Für ihn sah das Drehbuch nach 66 Folgen den Drogentod vor. «Rausschreiben» nennt Drehbuchautoren diese dramaturgische Operation, die meistens zur Anwendung kommt, wenn die Produktion einen Schauspieler loswerden will. Sei dies, weil seine Gage zu hoch ist oder er die in gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Beides traf im Fall von Lucky nicht zu. Die Autoren haben Lucky nur sterben lassen, um die Figur Thomas Lüthi in eine existentielle Krise zu schicken.

Kurz darauf bereuten die Autoren ihre Tat und wollten den Schauspieler zurückbringen. Also klopft es ein Jahr später bei Lüthis an der Wohnungstür. Tochter Julia fällt fast in Ohnmacht: Vor ihr steht Lucky, der verstorbene Freund ihres Bruders, in den sie damals heimlich und unglücklich verliebt war. Doch bald klärt sich alles auf: die Autoren hatten für Lucky einen Zwillingsbruder namens Daniel erfunden, in den sich Julia jetzt hemmungslos verlieben darf.

In Gedenken an zwei grossartige Schauspieler

Auch mit dem umgekehrten Fall müssen die Autoren von «Lüthi und Blanc» umgehen. In den acht Jahren der Serie sterben zwei Schauspieler. Das notwendige Umschreiben der Drehbücher wird zum Alptraum und die Lust am Weiterspinnen der Handlung muss mühsam erkämpft werden. Martin Schenkel und Sybille Courvoisier bleiben unvergessen.

Doch das Leben geht weiter und somit auch «Lüthi und Blanc».

Vom Dreh- zum Bilderbuchpaar

Hans Schenker als Martin und Isabelle von Siebenthal als Catherine sitzen im Ehebett.
Legende: Zuerst in der Serie, dann im richtigen leben ein Paar: Hans Schenker als Martin, Isabelle von Siebenthal als Catherine. SRF

Zum Glück greift das Leben nicht oft derart brutal in die Serienhandlung ein. Im Gegenteil: Die Serie stiftet auch Glück. So wird die fiktive Liaison zwischen den Schauspielern Isabelle von Siebenthal und Hans Schenker zum Liebesglück im wahren Leben. In der Serie finden sie hingegen den richtigen Ton für ein spannungsreiches Ehepaar.

Sie heirateten noch bevor «Lüthi und Blanc» abgesetzt wird. Manchmal ist die Fiktion halt doch stärker als das reale Leben. Und wenn es nicht mehr anders geht, schreibt das Leben die Serienhandlung einfach weiter.