Ulrich Seidl steigt ab in die österreichischen Keller

Alles, was abgründig und absurd ist, interessiert den österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl. Auch in seinem neusten Dokumentarfilm macht er sich auf die Suche nach Monstrositäten. Er findet sie in Kellern, die ihm Menschen mit erstaunlichem Selbstverständnis zeigen.

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Fünf Fragen an Ulrich Seidl

3:44 min, vom 10.12.2014

Wenn Ulrich Seidl einen Dokumentarfilm über die Keller Österreichs macht, dann kann man schon im Voraus davon ausgehen, dass diese Keller tief sind, Kellerabgründe, die sich unter den Häusern «normaler» Bürger eines mitteleuropäischen Landes auftun. Schliesslich haben wir schon zuvor österreichische Kellergeschichten in Zeitungen lesen müssen – Kampusch, Fritzl, diese Geschichten fallen einem ein, wenn man an Österreichs Keller denkt.

Lachen und stockender Atem

Und natürlich enttäuscht Seidl, dessen Kino immer dem Absurden, Grotesken, Abgründigen der Gesellschaft verpflichtet ist, die Erwartungen nicht. Zuletzt hat Seidl mit der Trilogie «Glaube, Liebe, Hoffnung» den Irrsinn im Normalen gesucht. Wenn er nun in Österreichs Keller auf Spurensuche geht, dann tauchen Monstrositäten auf, die einen manchmal laut auflachen lassen (wenn auch immer mit diesem unangenehmen Gefühl im Magen), die aber auch den Atem stocken lassen.

Es sind nicht die Dinge, die man sieht, die diesen Film monströs machen – dass die menschlichen Abgründe unendlich tief sein können, wissen wir. Schussanlagen, Hitler-Porträts, Sadomaso-Stübchen, das alles ist vielleicht befremdend bis abstossend. Und die Partykeller, Flipperautomaten, die Waschküchen und überfüllten Garagen, die kennen wir alle. Das Befremdende ist, wie sich diese Menschen in diesen Kellern so selbstverständlich filmen lassen, sich von Seidl inszenieren lassen.

Das schönste Hochzeitsgeschenk: Ein Hitler-Porträt

Manchmal setzt er die Menschen bewegungslos in den Keller und lässt die Bilder lang stehen. Oder er lässt seine Protagonisten seltsam emotionslos von ihren heimlichsten Neigungen und unheimlichsten Freuden erzählen.

Dass einer ein Hitlerbild aufhängt, ist zwar schlimm, aber nicht unerwartet. Dass er aber erzählt, er habe es von Freunden zur Hochzeit bekommen und das sei das allerschönste Geschenk überhaupt gewesen, das ist dann doch ziemlich ungeheuer.

Wie diese Menschen vor ihren Garagen stehen, sich vor ihrer Sammlung selber geschossener Tiere filmen lassen – diese Bilder erinnern stark an die Cartoons von Manfred Deix, dem österreichischen Zeichner. Nur dass dieser immer überzeichnet. Seidl nicht.

Und wenn man am Ende etwas schockiert und amüsiert zugleich das Kino verlässt und denkt: «diese Österreicher...», dann sollte man mal in die eigenen Keller steigen, in die unter den Häusern und in die in uns selber.

Sendehinweis

Regisseur Ulrich Seidl steht bei Dreharbeiten neben der Kamera.

SRF/Dschoint Ventschr

Am Sonntag, den 11. Januar 2015 um 23:05 Uhr zeigt Sternstunde Kunst auf SRF 1 den Dokumentarfilm «Ulrich Seidl und die bösen Buben – ein Filmporträt». Während der Dreharbeiten zu seinem aktuellem Kinofilm lässt sich Seidl zum ersten Mal begleiten – mit überraschendem Ergebnis.