Verwechselt Kim Jong-un Film mit Realität?

Nach einem Hacker-Angriff zieht Sony Pictures den umstrittenen Film «The Interview» zurück. Hinter der Attacke soll Nordkorea stehen. Ein Filmwissenschaftler erklärt, warum Kim Jong-un den Film als Kriegshandlung begreift – und warum das aus filmtheoretischer Warte «rührend» ist.

Kim Jong-un in einer Filmszene aus «The Interview».

Bildlegende: «The Interview»: Dass in einem Film ein amtierender Machthaber umgebracht wird, ist selten in der Filmgeschichte. Columbia Pictures

Ende November griff eine Hacker-Gruppe die Server von Sony Pictures an und forderte, den Film «The Interview» zu stoppen. Schon bald wurden Vermutungen laut, dass Nordkorea hinter den Hackerangriffen steckt. Dass sich Kim Jong-un an seiner filmischen Ermordung in der Komödie «The Interview» stört, ist ja auch durchaus nachvollziehbar. Immerhin hat der Umstand, dass ein amtierendes Staatsoberhaupt in einem Hollywood-Film umgebracht wird, in der Filmgeschichte Seltenheitswert.


Vinzenz Hediger über «The Interview»

5:17 min, aus Kultur kompakt vom 19.12.2014

«Das ist schon neu», sagt Vinzenz Hediger, Professor für Filmwissenschaft an der Universität Frankfurt. «Selbst bei Charlie Chaplins ‹Der grosse Diktator› endet die Hauptfigur, die leicht erkennbar Hitler sein soll, zwar im Konzentrationslager – Doch dieses wird so dargestellt, dass man es auch überleben kann.» Der einzige prominente Fall, in dem ein Machthaber in einem Film umgebracht wird, ist Hediger zufolge Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds». Auch in diesem Film muss wieder Hitler dran glauben, aber der war beim Filmstart 2009 längst tot.

«Das hat etwas Rührendes»

Dass die nordkoreanische Regierung den Film «The Interview» als «Kriegshandlung» bezeichnet, ist für den Filmwissenschaftler Hediger höchst interessant: «Kim Jong-un scheint stark an die Realität des Filmbildes zu glauben». Er sei wohl ein Anhänger der Theorie des Filmtheoretikers André Bazin. Für diesen war das Filmbild nicht einfach nur ein Zeichen oder ein Stellvertreter für etwas Abwesendes, sondern das Ding selbst. Dass die nordkoreanische Regierung dies ebenfalls glaube, habe aus filmtheoretischer Perspektive etwas Rührendes, sagt Vinzenz Hediger.

Für Sony ist der Rückzug des 44 Millionen Dollar teuren Filmes sicherlich ein Verlust. Doch was verlieren die Zuschauer, die den Film nun wohl nicht zu Gesicht bekommen werden? Die Journalisten, die «The Interview» in Pressevorführungen sehen konnten, geben durchzogene Kritiken ab. Über weite Strecken sei der Film ein eher alberner Klamauk mit einer Vorliebe für Fäkalhumor, urteilt etwa der Tages-Anzeiger.

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Guy Delisle

5:49 min, aus Kulturplatz vom 2.9.2009

Noch ein Film kommt nicht ins Kino

Doch es gibt noch einen weiteren Film, der nach dem Hackerangriff nun nicht in die Kinos kommen wird, und um den ist es wohl eher schade: Die Verfilmung des Comic «Pjöngjang» von Guy Delisle. Der Kanadische Comiczeichner erzählt darin, wie er in Nordkorea in einem Trickfilmstudio arbeitet und das Land bereist. Die Comic-Reportage hätte mit Steve Carrell in der Hauptrolle verfilmt werden sollen. Nach den Hackerangriffen hat sich Fox als Verleiher des Films zurückgezogen, die Produktionsfirma hat das Projekt darauf aufgegeben.

Es sind also gleich zwei Filme, die durch den Druck aus Nordkorea nun wohl nicht ins Kino kommen. Bei «Pjöngjang» gibt es aber immerhin den Comic, der bisher noch nicht von der Bildfläche verschwunden ist.

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