Visionär und ikonisch: Das Erbe der Matrix

Vor genau 14 Jahren, am 31. März 1999, feierte «The Matrix» in den US-amerikanischen Kinos Premiere. Der visionäre Science-Fiction-Film raubte Zuschauern den Atem – mit einer einzigartigen Bildsprache, die das Kino für immer verändern würde. Eine Spurensuche zu den Erben von «The Matrix».

1999 dachte noch niemand an Wirtschaftskrise und Euro-Desaster. Was alle beschäftigte, war der drohende Y2K-Bug: die Unsicherheit, ob unsere Computer die numerische Jahrtausendwende verarbeiten können oder ob Rechenprobleme zum Verlust unserer Dateien und Sparguthaben führen.

Ein köstliches Bildersoufflé

Auf der Kinoleinwand spinnte der Film «The Matrix» unsere Angst vor dieser zunehmenden Computerabhängigkeit weiter zu einer post-apokalyptischen Vision: der Mensch, ein Sklave von Megacomputern; die Welt, nichts weiter als eine virtuelle Realität.

Der Film traf den Nerv der Zeit – doch das war nicht der einzige Grund für seine enorme Popularität. «The Matrix» servierte uns ein Bildersoufflé, das wir so noch nie gekostet hatten. Die Zutaten dafür holte sich die futuristische Hollywood-Grossproduktion in Asien: den Cyberpunk-Look aus japanischen Animes, die kabelunterstützten Kung Fu-Choreografien («Wire-Fu») aus Hong Kong. Und wie das geschmeckt hat! Die coolen schwarzen Outfits der «Matrix»-Helden Neo und Trinity, das schwerelose Kampf-Ballett in Zeitlupe – köstlich!

Trinity in ihrer Uniform aus Lack und Leder.

Bildlegende: Sonnenbrille, enges, glänzendes Lederkostüm und Gel-Frisur – natürlich alles in schwarz: der «Matrix»-Look. Warner

Damit verdiente sich der Film vier Oscars und 460 Millionen Dollar an den weltweiten Kinokassen. Was derart einschlägt, hinterlässt Spuren. «The Matrix» übte einen prägenden Einfluss auf spätere Blockbuster aus.

Action-Helden im Grufti-Look

«The Matrix» setzte zum Beispiel einen Modetrend im Kino. Trinity (Carrie-Anne Moss) in hautengem Latex, in jeder Hand eine Knarre: Genauso sexy und düster ballerte sich auch Kate Beckinsale in den «Underworld»-Filmen (2003-2012) quer über die Leinwand.

Und Neos Trenchcoat hat nicht nur Keanu Reeves wieder aus dem Kleiderschrank geholt, 2005 im Film «Constantine», er war auch die bevorzugte Kleidung von Christian Bale im Actionfilm «Equilibrium». Auch bei ihm verkörpert der lange schwarze Mantel Schnelligkeit, Coolness und Heldentum.

Am deutlichsten zeigt sich der Einfluss des «Matrix-Look» bei den «X-Men»-Verfilmungen: Wolverine und die anderen Mutanten präsentierten sich im Kino modisch in schwarzem Leder. Auf den ursprünglichen Comicseiten erstrahlten ihre Kostüme noch in sattem Gelb.

Zeitlupe für Fortgeschrittene

Wenn eine Szene aus «The Matrix» Filmgeschichte geschrieben hat, dann die: Ein Agent eröffnet das Feuer auf Neo. Plötzlich wird alles langsam. Wir sehen die Flugbahn der Kugeln. Neo duckt sich in Zeitlupe unter ihnen weg. Die Kamera rotiert um ihn herum: «Bullet-Time», der coolste Effekt des Films! So einzigartig und unmittelbar ikonisch, dass das Filmstudio Warner Bros. «Bullet-Time» als Markenzeichen registrieren liess.

Keanu Reeves alias Neo duckt sich in Zeitlupe unter den tödlichen Gewehrkugeln weg. Dieser Effekt, genannt «Bullet-Time» hat Filmgeschichte geschrieben.

Bildlegende: «Bullet-Time»: Keanu Reeves alias Neo duckt sich unter den tödlichen Kugeln weg. Warner Bros.

Das hielt andere Filme aber nicht davon ab, diesen Effekt nachzuahmen und weiterzuentwickeln: Ob «Spider-Man» (2002), die «Pirates of the Caribbean»-Trilogie (2003-2007), die beiden «Sherlock Holmes»-Filme (2009, 2011), das Schlachtenepos «300» (2006) und sogar «Harry Potter» (2011) in einer Variation mit Zauberstäben – es gibt kaum ein Blockbuster nach «The Matrix», der in besonders dramatischen Momenten nicht auf diese Zeitlupe für Fortgeschrittene zurückgreift.

«Bullet-Time» ist mehr als bloss ein Film-Trick. Ihm zugrunde liegt ein psychologischer Effekt: Als Menschen nehmen wir in einem Stress-Zustand mehr Details wahr als sonst, unsere Aufmerksamkeit ist geschärft. Unter normalen Umständen würde unser Gehirn für die Aufnahme dieser Menge an Information länger brauchen – weshalb sich in unserer Wahrnehmung die Zeit dehnt – und alles um uns herum wie in Zeitlupe erscheint.

Viele Parodien = grosse Beliebtheit

Ein Indikator für die Beliebheit von «The Matrix» sind die vielen Parodien, die er nach sich zog. Lustig machen kann man sich nur über etwas, das alle kennen.

Prinzessin Fiona springt in «Shrek» hoch, die Zeit bleibt stehen, die Kamera rotiert um sie herum und bevor sie ihre Feinde wegkickt, richtet sie – im Gegensatz zu Trinity – noch rasch ihre Frisur. Oder: Der Killer in «Scary Movie» duckt sich in Slowmotion unter einer fliegenden Scheibe weg – und fängt sich dabei einen Hexenschuss ein. Solche Witze funktionieren, weil die meisten von uns die Szenen in «The Matrix» kennen, auf die sie anspielen.

«The Matrix» feiert seinen 14. Geburtstag und bleibt auch dank seiner vielen Nachahmer unvergessen. Unser Tipp: DVD aus dem Regal holen! Das Original ist immer noch am coolsten.

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