Von Sri Lanka nach Paris, vom Bürger- in den Drogenkrieg

Ein Mann flieht vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka – und gerät im Pariser Banlieue zwischen rivalisierende Drogenbanden. Der Regisseur Jacques Audiard schaffte es mit «Dheepan» erneut, gewaltiges Kino und dokumentarischen Ernst zu kombinieren – und gewann in Cannes dafür die Goldene Palme.

Ein junges Mädchen und ein Mann sitzen nebeneinander auf dem Boden mit einer Decke über den Beinen. Der Mann hält eine Zeitung, in der beide lesen.

Bildlegende: Eine Familie zum Schein? Claudine Vinasithamby als Illayaal und Jesuthasan Antonythasan als Dheepan. Paul Arnaud/Why Not Productions.

Um aus Sri Lanka und seinem blutigen Bürgerkrieg wegzukommen, geben sich der ehemalige Soldat der Tamil Tigers Deephan, eine junge Frau und ein neunjähriges Mädchen als Familie aus. So gelingt ihnen die Flucht nach Frankreich.

Hier schlägt sich Dheepan erst einmal als illegaler Strassenverkäufer durch, bis die Flüchtlingsfamilie einen Hauswartsjob in einem heruntergekommenen Sozialwohnungsblock in Pré, einem Vorort von Paris, zugeteilt bekommt. In dem Block notabene, der sich später als Hauptquartier der lokalen Drogengang entpuppen wird. Der ehemalige Soldat, der dem Krieg entfliehen wollte, findet sich schon wieder an der Front.

Wahnsinn mit Methode

Jacques Audiard hat ein Gespür für die soziale Realität. Sein Gefängnisfilm «Un prophète» von 2009 war Gangster-Drama und Sozialstudie zugleich. Und Audiards ungebremstes Melodram «De rouille et d’os», mit dem er 2012 in Cannes war, schaffte den Spagat, zwischen einer beinamputierten Marion Cotillard, einem Killerwal und dem von Matthias Schoenaerts gespielten Underdog so viel sozialen Realismus unterzubringen, dass man den Wahnsinn mit Methode einfach goutieren musste.

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Ausschnitt aus «Dheepan»

1:10 min, vom 21.5.2015

Irgendwie scheint Audiard sich nicht entscheiden zu müssen zwischen gewaltigem Kino und dokumentarischer Ernsthaftigkeit. Man kennt das Prinzip aus den besten amerikanischen Filmen. Aber denen kommt immer noch der amerikanische Mythos zu Hilfe, sei es jener des Western, des Gangsters oder der Mafia. Audiard dagegen filmt sich aus der französischen Realität heraus in ein Echo dieser Mythen hinein.

Wenn Dheepan nach Monaten als fleissiger Hauswart plötzlich rambomässig in den Bandenkrieg eingreift, dann ist das einerseits plausibel: Schliesslich hat er – im Gegensatz zu den meisten der bandenkriegenden Banlieue-Kids – tatsächliche Kriegserfahrung. Andererseits ist das auch filmisch plötzlich überhöht, surreal, bigger than life.

Aus der gespielten wird eine echte Familie

Das funktioniert darum so gut, weil Audiard sich und seinen Laiendarstellern die Zeit gönnt, einen Alltag aufzubauen. Wie der Mann und die beiden Frauen langsam zu der Familie werden, die sie zunächst nur darstellen wollten, wie sie sich bei Rückschlägen gegenseitig daran erinnern, dass sie eine Fiktion leben, und wie der fremde Blick auf Frankreich und seine Gewohnheiten plötzlich auch dem Zuschauer einen anderen Blick aufgehen lässt: Das ist grossartig.

«Dheepan» überzeugte denn auch am Filmfestival Cannes: Das Drama gewann 2015 die Goldene Palme.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 28.10.2015, 8.20 Uhr

Kinostart: 29. Oktober 2015

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