Von «The Fly» zu Freud: David Cronenberg wird 70

Der kanadische Regisseur David Cronenberg, der am 15. März seinen 70. Geburtstag feiert, war lange als blosser Splatter-Filmer verschrien. Doch in Cronenbergs Werk war die Gewalt nie Selbstzweck.

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Filmausschnitt: «Eastern Promises»

1:06 min, vom 14.3.2013

Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann in den 80er-Jahren haben nicht nur Anhänger von Lacan und Foucault, sondern auch die Filmkritiker begriffen, dass der Kanadier David Cronenberg kein trivialer Brutalo-Filmer ist, sondern – neben David Lynch und Peter Greenaway – der wohl intelligenteste und bedeutendste Cineast der Postmoderne.

Wie kaum ein zweiter Autorenfilmer stellte Cronenberg von Anfang an den Topos der Transgression in den Mittelpunkt seines Schaffens: Jegliche Grenzen, die das menschliche Wesen und seine Existenz definieren, wurden in seinen Werken überschritten. Dabei wurde der subversive Akt der Transgression oft als Befreiung dargestellt, die jedoch auch schmerzhafte und traumatische Erlebnisse mit sich brachte.

Entfesselte Libido

In seinem Spielfilmdebüt «Shivers» (1975), auch bekannt unter dem treffenderen Titel «They Came from Within», liess Cronenberg die Bewohner einer Siedlung von phallisch-fäkalisch aussehenden Parasiten befallen, die ihre Libido entfesselten. Das Ergebnis war eine «sexuelle Befreiung» ohne Rücksicht auf Verluste, eine Phantasie mit ebenso utopischen wie grausigen Zügen, da die triebgesteuerten Opfer der Epidemie in jeder Hinsicht übereinander herfielen.

Von der schmalen Schwelle zwischen Sex und Gewalt erzählte Cronenberg auch in seinem zweiten Film «Rabid» (1977), dessen Protagonistin – gespielt von Pornostar Marilyn Chambers – nach einer Operation eine penisähnliche Geschwulst in der Achselhöhle entwickelt, die ihren Geschlechtstrieb in Blutdurst verwandelt.

Pseudo-Kinder und platzende Köpfe

Nach «Fast Company» (1979), einem Abstecher in das Gebiet der schnellen Autos legte Cronenberg einen Film vor, den er als «meine Version von ‹Kramer v. Kramer›» bezeichnet. In «The Brood» (1979) nahm die psychosomatische Form des Horrors neue Gestalt an: Franks Frau Nora ist wegen psychischer Störungen in Therapie beim unorthodoxen Dr. Raglan, der seine Patienten ihre Aggressionen und Frustrationen körperlich manifestieren lässt. Statt Geschwüren und ähnlichem gebiert Nora in einer externen Fruchtblase Pseudo-Kinder, die die Wut der Mutter ausleben und an ihren vermeintlichen Peinigern abreagieren.

Die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Körper und Geist bildete auch die Grundlage von «Scanners» (1981), jenem Film, der Cronenberg weltweit in Verruf brachte, weil er darin einen Kopf explodieren liess. Ob der ekelerregenden Spezialeffekten ging in der Kritik weitgehend unter, dass sich Cronenberg hier einmal mehr mit Auswirkungen psychischer Gewalt befasste.

«Videodrome» und virtuelle Realitäten

Eine Männergestalt steckt Kopfüber in einem Fernsehbildschirm in einem Paar Frauenlippen.

Bildlegende: «Videodrome» (1983): «Kabel-TV-Fuzzi» Max Renn verliert den Bezug zur Realität. MCA

Weit raffinierter ging der Cineast in seinem nächsten Film ans Werk: «Videodrome» (1983) griff die damals aktuelle Diskussion um die Wechselwirkung von Medien und Gewalt auf und spann sie weiter. Kabel-TV-Fuzzi Max Renn (ein wunderbar schleimiger James Woods) entdeckt ein illegales Signal, das seinem Publikum Sadomaso-Sex und Gewalt von unerreichter Drastik vorsetzt. Je mehr Max selbst dem Bann von «Videodrome» verfällt, desto unzuverlässiger wird seine Realität: Das Fernsehgerät pulsiert wie ein Lebewesen, die Mattscheibe wird zur durchlässigen Membran.

Max selbst entwickelt eine Vagina-ähnliche Körperöffnung, durch die er per Einführung einer Videokassette «umprogrammiert» wird. Phantasien verschmelzen mit Wirklichkeit, eine Pistole verwächst mit Max‘ Hand und er selbst mutiert zum Gewalttäter. Die Videokassette ist inzwischen als Medium ausgestorben, aber die Alptraum-Vision, die Cronenberg vor 30 Jahren in «Videodrome» entworfen hat, ist im Zeitalter des Internets und (der virtuellen Realität) relevanter denn je und überzeugt in mancher Hinsicht mehr als Cronenbergs spätere explizite Auseinandersetzung mit virtueller Realität in «eXistenZ» (1999).

Cronenberg meets King

Grundsätzlich ist Cronenbergs freudianisch unterfütterter «body horror», dessen Eindringlichkeit davon herrührt, dass wir selbst zum Monster werden können, meilenweit entfernt von den eher trivialen bürgerlichen Ängsten, die das Oeuvre von Stephen King prägen.

Bei seiner Adaption von Kings Roman «The Dead Zone» (1983) jedoch konnte der Filmemacher mit einem seiner eigenen Themen ansetzen: Johnny wird nach einem Unfall zum Hellseher, für den sich die Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft auflöst. Um den Weltuntergang, den ein aufstrebender Politiker auszulösen droht, zu verhindern, wird Johnny zum Terroristen. «The Dead Zone» bescherte Christopher Walken eine seiner stärksten Rollen und zeigte, dass Cronenberg in Sachen Schauspielerführung dazugelernt hatte.

«The Fly»: Cronenberg hebt ab

Den Durchbruch bei der Mainstream-Kritik erreichte Cronenberg ausgerechnet mit seinem Remake eines trivialen Sciencefiction-Films der 50er-Jahre. «The Fly» (1986) erzählte zwar nach wie vor – wie die Kurzgeschichte von George Langelaan – von einem Wissenschaftler, der bei einem missglückten Experiment mit einer Fliege gekreuzt wird.

Anders aber als in der ersten Verfilmung (1958) durch Kurt Neumann, wo der tragische Held den Kopf und die Klaue einer riesigen Fliege abbekommt, führt bei Cronenberg die fatale simultane Teleportation von Mensch und Fliege zur Verschmelzung der beiden auf der genetischen Ebene. Der arglose Wissenschaftler Seth Brundle mutiert zu einem Hybridwesen, das zunächst von Kraft, Tatendrang und Libido strotzt, zusehends jedoch unappetitlichere Züge annimmt, seine Menschlichkeit einbüsst und zu zerfallen beginnt.

«Be afraid. Be very afraid.»

Ein nackter Mann kniet in einer futuristisch anmutenden Kapsel.

Bildlegende: Unheimliche Verwandlung: Mit «The Fly» (1986) gelang David Cronenberg der Durchbruch. SRF

Das Motto des Films, «Be afraid. Be very afraid.», schreckte manche Zuschauerinnen ab, die mit Splatter-Effekten nichts anfangen konnten, wohl aber die metaphorischen Ebenen von Cronenbergs Film goutiert hätten. Für den Regisseur war «The Fly» nämlich nicht so sehr eine Allegorie über das damalige Schreckgespenst Aids, sondern eine breiter angelegte, nicht nur positive Phantasie über die Veränderlichkeit des Fleisches.

Dazu sagte Cronenberg im Interview zum Filmstart von «The Fly» (1986): «‹The Fly› handelt von einem Menschen, der sich verwandelt. Ich bin aber der Ansicht, dass wir alle uns verwandeln, jetzt, in diesem Augenblick. Das gilt auch für Sie und für mich. Wir haben als etwas anderes angefangen und wir wachsen, wir erreichen unseren Höhepunkt und dann werden wir alt, uns fallen vielleicht Zähne aus, vielleicht fallen uns zwar nicht die Ohren ab (aber womöglich doch), die Haare fallen aus... Wir werden uns verwandeln. Wir sind in diesem Prozess begriffen, nur sehen wir es nicht. Wenn Sie also ‹The Fly› als eine 40-jährige Liebesgeschichte betrachten, die in drei Wochen komprimiert wird, und sich vorstellen, dass er einfach altert – nicht an Krebs leidet oder an Aids oder so was – und dass er sich damit auseinandersetzen muss, sich ansehen muss und versucht, der Sache etwas Positives und Gutes abzugewinnen – dann ist auch das eine Phantasie.»

Horror als Deckmantel für radikales Kino

Im Gespräch über den Film wies Cronenberg darauf hin, dass die Horror-Schublade ihm nicht nur geschadet habe: «Das Horror-Genre bietet mir eigentlich Schutz. Wäre ich zu einem grossen Filmstudio gegangen und hätte gesagt: ‹Ich möchte eine Geschichte über zwei Menschen machen, die sich kennenlernen und verlieben, und dann wird der eine schwer krank und stirbt langsam und schrecklich und muss von seiner Liebsten getötet werden, und damit ist der Film zu Ende›, hätte man mir gesagt: ‹Sie sind ja verrückt.›»

Aber so habe niemand diesen Aspekt des Films in Frage gestellt. «Gerade weil es ein Horrorfilm ist, haben sie akzeptiert, dass er extrem sein und ohne Happy End auskommen kann und so fort. Man hätte mir wohl mehr ins künstlerische Handwerk gepfuscht, wenn es irgendein naturalistisches Drama gewesen wäre; ich denke, das hätte ich auch nie drehen dürfen. Aber so hatte ich keine Probleme.» Tatsächlich hätte Hanekes «Amour» wohl 1986 erst recht nicht in Hollywood entstehen können; heute wird dieser Film dort als mutiger Import gefeiert.

Gruseliges Zwillingspaar

Der Schauspieler Jeremy Irons im Bett liegend.

Bildlegende: «Dead Ringers»: Jeremy Irons im Doppelpack als Beverly und Elliot Mantle. SRF

Nach dem durchschlagenden Erfolg von «The Fly» wagte Cronenberg den ersten Schritt aus dem Horror-Genre hinaus. Mit «Dead Ringers» eroberte er 1988 ein neues Publikum, obschon auch diese Studie eines Gynäkologen-Zwillingspaars, dessen Symbiose von einer Patientin aufgebrochen wird, nicht der gruseligen Elemente entbehrt.

In der doppelten Hauptrolle brillierte Jeremy Irons, der erst 1990 für seine Leistung in «Reversal of Fortune» einen Oscar gewann, bei der Entgegennahme des Preises aber Cronenberg für den Karriereschub durch «Dead Ringers» dankte. Der Schauspieler revanchierte sich, indem er 1993 ein zweites Mal mit Cronenberg zusammenarbeitete: bei «M. Butterfly», einer Fabel um das Verschwimmen von Geschlechtergrenzen.

Ballard und Burroughs als Seelenverwandte

Zunehmend wagte sich Cronenberg an weitere Adaptionen von Stoffen aus anderer Hand. Seine filmischen Begegnungen mit geistesverwandten Autoren waren jedoch nicht immer glücklich. «Naked Lunch» (1991), nach dem literarischen Drogenrausch von William Burroughs, franste in glibberige Beliebigkeit aus, während Cronenbergs «Crash» (1996) die Faszination nahezu tödlicher Autounfälle, die J.G. Ballard in seinem Kultroman beschwor, nur sehr bedingt nachvollziehbar machte. Patrick

McGraths Romanvorlage «Spider» bot 2002 Ralph Fiennes eine Steilvorlage für eine schauspielerische Glanzleistung, aber Cronenbergs Inszenierung der Innenansicht eines Geisteskranken, der Erinnerungen, Psychose und Wirklichkeit nicht voneinander abzugrenzen vermag, war für viele zu hermetisch.

Krimis à la Cronenberg

Ein Mann bedient einen sitzenden Gast an der Theke eines Schnellrestaurants.

Bildlegende: «A History of Violence» (2005): Vom unscheinbaren Familienvater zum Helden und Gewalttäter. Keystone / Warner

Ein kaum bekannter Graphic Novel diente als Keimzelle für Cronenbergs Comeback: «A History of Violence» von John Wagner und Vince Locke erzählt vom biederen Familienvater Tom, der eines Tages in einer Notlage Gewalt anwendet und zum Helden wird, worauf seine verdrängte verbrecherische Vergangenheit in seine friedliche Welt einbricht. Zweifach Oscar-nominiert, wurde dieser verstörende Anti-Thriller 2005 nicht nur für den Regisseur, sondern auch für seine grossartigen Darsteller William Hurt und Viggo Mortensen zum durchschlagenden Erfolg.

2007 doppelten Cronenberg und Mortensen nach mit «Eastern Promises», einem Film über die Russenmafia in London, der auf den ersten Blick mit Cronenbergs Obsessionen wenig zu tun hat. Wie der Regisseur selbst aber festhält, interessierten ihn nicht «die Mechanismen der Mafia, sondern das Verbrechertum und Menschen, die in einem Zustand fortwährender Transgression leben». Mortensen überzeugt von neuem, diesmal als knallharter Mafia-Chauffeur und Handlanger, der beim anonymisierenden Verstümmeln von Leichen ebenso effizient vorgeht wie beim Überlebenskampf in einem Dampfbad, wo er sich splitternackt zweier Killer erwehren muss.

Freud und Finanzhaie

Die Schauspieler Keria Kneghtly und Michael Fassbender in einer Gesprächssituation.

Bildlegende: In «A Dangerous Method» (2011) widmet sich Cronenberg der Psychoanalyse. Keystone / Sony Pictures

In seinem vorletzten Film «A Dangerous Method» (2011) hat Cronenberg nicht nur ein drittes Mal mit Mortensen zusammengearbeitet, sondern auch jenes Thema direkt angepackt, das ihn unterschwellig seit jeher beschäftigt hat: die Psychoanalyse. Dennoch blieb seine gepflegte Verfilmung der Dreiecksgeschichte um Freud, Jung und Sabina Spielrein hinter den Erwartungen zurück, da sie ebenjene Eindringlichkeit vermissen liess, die Cronenbergs Filme sonst unter die Haut gehen lässt. Lag es am zu grossen Respekt vor Übervater Freud?

Mit seinem bisher letzten Film «Cosmopolis» (2012), einer Adaption der gleichnamigen Kapitalismus-Satire von Don DeLillo, hat sich der Cineast einem weiteren geistesverwandten Autor der Postmoderne angenähert. Das eiskalte Ergebnis polarisierte; nur wenige Zuschauer fanden einen Draht zu Robert Pattinsons blutleerem Eric Packer und seiner seelenlosen Welt.

Nach dem Grosskapital will Cronenberg sich nun in «Maps to the Stars» Hollywood und seinen Einfluss auf die Welt vornehmen. Man darf gespannt sein.

David Cronenberg

Der Regisseur David Cronenberg mit Sonnenbrille.

Keystone

Der kanadische Regisseur wurde 1943 in Toronto geboren. Seine frühen Filme sind dem Horror- und Science-Fiction-Genre zuzuordnen. Jüngere Arbeiten liegen im Bereich Filmdrama und Literaturverfilmungen. Bekannte Werke sind «The Fly» (1986), «Naked Lunch» (1991) und «A History of Violence» (2005). Cronenbergs Werk wurde mehrfach preisgekrönt.

Sendehinweis

«Eastern Promises» von David Cronenberg, Ausstrahlungstermin Donnerstagnacht, 14. März um 00.10 auf SRF 1.