Warum in TV-Serien die Landluft meistens tödlich ist

Die TV-Serie «Broadchurch» ist benannt nach ihrem Handlungsort: Einem kleinen britischen Kaff an den Meeresklippen, in dem jeder jeden zu kennen scheint. Auch viele andere Krimis spielen in genau abgesteckten Ortschaften. Warum eigentlich?

Polizisten halten eine Frau im roten Kleid im Arm

Bildlegende: Dort, wo jeder jeden zu kennen glaubt, geschehen die schrecklichsten Dinge SRF/ITV/Kudos Film and Tv

Schon Agatha Christie wusste es: Kriminalgeschichten – insbesondere diejenigen, in denen ein Mörder entlarvt werden muss – funktionieren besonders gut in einem engen, möglichst geschlossenen Umfeld mit limitiertem Personal – in abgelegenen Schlössern, in Zügen und auf Ozeandampfern, und vor allem: in kleinen Dörfern.

Bis heute verwenden Krimiautoren den Kunstgriff, ihre Handlung auf dem Land anzusiedeln, um die Intrige und ihre Protagonisten möglichst überschaubar zu halten. Doch sehr oft – schon bei Georges Simenon und Friedrich Glauser – funktioniert es umgekehrt: Das Dorf ist aufgrund seiner Grösse zwar der ideale Ort, um einen Mord anzusiedeln – aber ein Autor kann einen Kriminalfall auch nur als Vorwand einbauen, um das Landleben mit all seinen Schattenseiten abzubilden.

Auch viele moderne TV-Krimiserien spielen ganz bewusst nicht in Grossstädten, und dies aus unterschiedlichen Gründen. Diese acht Serien machen das exemplarisch vor:

    • 1.
      Broadchurch (2013)
      Ein tot aufgefundener Junge setzt eine Ermittlung in Gang. Der Verdacht richtet sich auf diverse Mitglieder der Kleinstadt, doch die Serie konzentriert sich nicht nur auf die Frage nach dem Schuldigen. Sie schildert vor allem, wie sich die Mordaufklärung auf die Gemeinschaft auswirkt: Das Klima wird vergiftet durch gegenseitiges Ausspionieren, Gerüchte und Drohungen. In der zweiten Staffel ist der Mörder bekannt, doch noch sind nicht alle schlafenden Hunde geweckt.
      Cast der Serie am Strand vor einem Kliff

      Bildlegende: Eine traumhaft schöne Gegend, wenn nur diese Morde nicht wären. SRF/ITV/Kudos Film and TV

    • 2.
      Twin Peaks (1991)
      51'201 Einwohner hat Twin Peaks gemäss der Ortstafel in der Titelsequenz. Diese viel zu grosse Zahl war gemäss dem Co-Autor Mark Frost eine Forderung der Auftraggeber von ABC Network, die das geplante 5000-Seelen-Dorf schlicht zu uninteressant fanden. Egal: Twin Peaks besteht aus einer Reihe von klar definierten Schauplätzen wie der «Packard Sawmill», dem «Great Northern Hotel» und dem «Double R Diner». Auf all diesen Orten scheint ein Fluch zu lasten – ein Gefühl, das in einer Grossstadt weit schwieriger zu erzeugen gewesen wäre.
      Auto neben Ortsausfahrtsschild Twin Peaks

      Bildlegende: Mit «Twin Peaks» begannen die Kultserien, die Thriller, weitab der Grossstädte. CBS

    • 3.
      Midsomer Murders (1997)
      Auch die langlebige Serie um Chief Inspector Barnaby ist unzertrennlich verbunden mit ihrem Schauplatz, dem fiktiven Bezirk Midsomer und seinen pittoresken Dörfern – und es gibt deren Aberdutzende – in denen immer wieder Leichen auftauchen. Die Serie schildert Niedertracht in idyllischen Landschaften und greift humorvoll Klischees auf, die mit dem ländlichen England in Verbindung gebracht werden. Gemessen an der Einwohnerzahl werden im unscheinbaren Midsomer übrigens doppelt so viele Morde verübt wie in London, hat jemand einmal ausgerechnet.
      Portrait von Inspektor Barnaby und seinem Assistenten

      Bildlegende: «Midsomer Murders» (1997) Die Serie ist bei uns besser bekannt als Inspektor Barnaby. Bentley Productions / itv

    • 4.
      Mord mit Aussicht (2007)
      Die deutsche Erfolgsserie spielt in der Eifel, im beschaulichen Ort Hengasch im Kreis Liebernich – und wenn diese Namen komisch klingen, so ist das gewollt. Die rurale Kulisse ist vor allem Auslöser für viel Humor: Die Kölner Kriminaloberkommissarin Sophie Haas wurde hierher versetzt, und es liegt auf der Hand, dass ihre grossstädtischen Ermittlungsmethoden schlecht ankommen in einem Dorf, in dem auf dem Polizeirevier sonst eher eine ruhige Kugel geschoben wird und allenfalls der gesunde Menschenverstand zum Einsatz kommt.
      Kommissarin mit gezogener Waffe und Polizist hinter einem Busch.

      Bildlegende: Mord mir Aussicht (2007) Die deutsche Erfolgsserie spielt da, wo garantiert nichts los sein soll, wie böse Zungen behaupten: in der Eifel. WDR

    • 5.
      Dreileben (2011)
      Der deutsche TV-Dreiteiler war ein Experiment der drei deutschen Regisseure Dominik Graf, Christian Petzold und Christoph Hochhäusler. Die Idee dahinter: Drei Filme spielen zur selben Zeit, am selben Ort und drehen sich um dieselben Ereignisse, sind jedoch individuell gestaltet und aus einer anderen Sichtweise gedreht. Der eigentliche Kriminalfall steht erst im dritten Film im Zentrum. Der fiktive Ort Dreileben ist deshalb eher klein gewählt, damit die Zuschauer sich besser zurechtfinden in der multiperspektivischen Erzählung.
      Schauspieler Stefan Kurt schaut durch ein Loch in einer Holzwand

      Bildlegende: Dreileben (2011) Dreileben. Drei Regisseure, dreimal derselbe Ort, dreimal alles anders, einmal mit Stefan Kurt in der Hauptrolle. WDR / Reinhold Vorschneider

    • 6.
      Der Bestatter (2012)
      Auch in der Schweiz kann die Provinz gefährlich sein – das zeigt die Krimiserie «Der Bestatter». Der ehemalige Polizist Luc Conrad ist als Bestatter in Aarau tätig. In der vierten Staffel verschlägt es ihn ins fiktive Aargauer Dorf Morgenthal. Dort herrscht alles andere als idyllisches Landleben: Ein Serienmörder treibt sein Unwesen und die Dorfbewohner formieren sich zu einem gefährlichen Mob, der Jagd auf einen Sündenbock macht. In «Der Bestatter» ist das Vertraute gefährlich: Selbst von der eigenen Familie geht höchste Gefahr aus.
      Mike Müller als Luc Conrad und Barbara Terpoorten als Anna-Maria Giovanoli.

      Bildlegende: Der Bestatter SRF

    • 7.
      Southcliffe (2013)
      Im Mündungsgebiet der Themse, in einem fiktiven Ort in den Sümpfen des nördlichen Kents, kommt es zu einer blutigen Schiesserei mit zahlreichen Todesopfern. In der Folge werden die Umstände und die Gründe dieser Bluttat aufgerollt; auch die Schicksale der geschockten Angehörigen werden eindringlich thematisiert. Als Handlungsort dient eine Kleinstadt, weil hier kollektive Trauer und Traumatisierung viel stärker wirken als in der Anonymität einer Metropole.
      Mann mit Rucksack im Dauerlauf, verschwitzt

      Bildlegende: Southcliffe (2013) «Southcliffe» spielt im Süden Kents an einem fiktiven Ort. Channel Four

    • 8.
      Fargo (2014)
      Fargo selbst ist die grösste Stadt im US-Bundesstaat North Dakota, aber sie ist auch nicht der Schauplatz der Handlung, sondern nur der Herkunftsort eines Syndikats, das in der Serie seine Fühler ausstreckt. Vielmehr ist es die Kleinstadt Bemidji, Minnesota, in der die Ankunft eines fremden Auftragskillers eine Gewaltspirale in Gang setzt. Der Schnee und die Abgeschiedenheit des Settings suggerieren Ausweglosigkeit: Gewalt erzeugt Gegengewalt, und es gibt kein Entkommen – ausser den Tod.
      Amerikanischer Polizist durch Autofenster fotografiert

      Bildlegende: Fargo (2014) Fargo liegt am Ende der Welt, ob davor oder dahinter ist schwer zu sagen. FX Networks

Sendehinweis

Start der zweiten Staffel «Broadchurch» am 18.1.2016 um Uhr auf SRF zwei.