Was Sie schon immer über Woodys wildes Kätzchen wissen wollten...

Wie macht man aus einem japanischen Agentenfilm eine absurde Komödie? Indem man die Tonspur auswechselt! Nach diesem Rezept verwandelte Woody Allen vor 50 Jahren einen Bond-Abklatsch in einen Filmschatz. Um die Langzeit-Wirkung von «What’s Up, Tiger Lily?» zu begreifen, reicht ein Blick auf Youtube.

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Filmschatz: «What's up, Tiger Lily?»

4:53 min, vom 27.4.2016

36 Millionen Mal. So oft wurde auf Youtube die lippensynchrone Umvertonung eines «Twilight»-Filmausschnitts angeklickt. Und der Erfolg des dreiminütigen Videos ist kein Sonderfall. Auf dem Youtube-Kanal «Bad Lip Reading» finden sich viele solcher Filmchen mit ähnlich hohen Klickzahlen. Die Methode «Lip-Sync» liegt voll im Trend. Stolze 50 Jahre nachdem sie Woody Allen erfunden hat.

Als «What’s Up, Tiger Lily?» 1966 ins Kino kam, würdigte kaum einer das revolutionäre Konzept von Allens Regiedebüt. Im Gegenteil: Das Presse-Echo fiel geradezu vernichtend aus. Der Film sei «nicht mehr als ein überzogener, zweitklassiger Gag», urteilte beispielsweise die «Newsweek».

Übersehene Reize von «Tiger Lily»

Die lustvoll-lüsternen Dialoge von «What’s Up, Tiger Lily?» muss man nicht mögen. Und auch die Story ist Geschmackssache: Es geht um Eiersalat. Beziehungsweise um die geheime Rezeptur, die von einem Schurken gestohlen wurde. Respekt verdient also weniger der Inhalt, als vielmehr die Form, die Allen für seinen Erstling fand: Raffinierte Schnittfolgen, mit denen er die frisch vertonten Versatzstücke zu etwas Neuem formte.

Asiatische Schönheit sitzt vor rosa Hintergrund eingewickelt in einem Badetuch auf einer roten Decke.

Bildlegende: Das Regiedebüt von Woody Allen weckt den Tiger in dir. Videophon

In manchen Szenen wird gar die Nähe zum europäischen Autorenkino evident. Zum Beispiel wenn Allen einen harten Ortswechsel allein durch die Bewegung der Personen im Bild abfedert: Zuerst sehen wir tanzende Disco-Besucher in einer Totalen von oben. Und einen Wimpernschlag später sind wir schon im Hotelbett, auf das sich unser Held kunstvoll abrollt. Ein kühner Schnitt, der an die Kapriolen der Nouvelle Vague erinnert.

Professionelle Pragmatik nach «Pussycat»

Entstanden ist «What’s Up, Tiger Lily?» durch einen Zufall. Produzent Henry G. Saperstein hatte sich die Rechte am japanischen Agentenfilm «Kokusai himitsu keisatsu: Kagi No Kagi» gesichert, weil in den USA gerade das 007-Fieber grassierte. Doch dann fiel der Film bei Testvorführungen durch. Was also tun mit den gekauften Rechten?

Ein Mann schiesst auf dem roten Teppich von Cannes ein Selfie mit Woody Allen, gegen dessen Willen.

Bildlegende: Woody im Festival-Trubel. Für ihn ein hartes Stück Arbeit. Reuters

Saperstein hatte die blendende Idee, den zweitklassigen Streifen von Woody Allen aufpeppen zu lassen. Dieser hatte sich gerade als Drehbuchautor und Darsteller der Komödie «What’s New Pussycat» die ersten Sporen im Filmgeschäft abverdient. Allen sagte sofort zu, da ihm das Projekt die Chance bot, erstmals als Regisseur im Abspann zu stehen. Voller Tatendrang machte er sich mit seiner damaligen Frau Louise Lasser sowie einigen New Yorker Freunden ans Werk. Umso grösser war die Ernüchterung beim Kinostart.

Vergessenes Vorbild, verkanntes Frühwerk

Woody Allen war entsetzt, als er merkte, dass in der Postproduktion Konzertaufnahmen der Popband «The Lovin‘ Spoonful» in seinen Film eingefügt wurden. Seither achtet Allen penibel auf sämtliche Vertragsdetails. Ohne das Recht auf den Final Cut läuft bei ihm nichts. Und über «Tiger Lily» spricht Allen nicht gerne: «Pure Zeitverschwendung» sei sein Erstling gewesen.

Wir sehen das anders. «What’s Up, Tiger Lily?» ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Schliesslich stellt «Tiger Lily» die Geburt eines Genres dar, das heute beliebter ist als je zuvor. 1966 hielt man den Lip-Sync-Film für eine Eintagsfliege und «Tiger Lily» bestenfalls für ein harmloses Kätzchen. Fünfzig Jahre später wissen wir: Es war das wilde Frühwerk eines grossen Autorenfilmers!