Wenn die Wut der jungen Griechen hochkocht

«A Blast» heisst der Spielfilm zur Griechenlandkrise. Regisseur ist der 36-jährige Syllas Tzoumerkas. Er erzählt die bittere Geschichte einer Mittelklassefamilie, die unter der Last der selbstverursachten Steuerschulden zerbricht. Fiktion – und doch eine sehr reale Beobachtung der aktuellen Krise.

Eine Frau am Steuer.

Bildlegende: «A Blast»: Wenn die Kinder die von den Eltern verursachte Misere ausbaden müssen. Spot on

«A Blast», «eine Explosion». Tatsächlich: Dieser Film ist eine einzige eineinhalbstündige Explosion der Wut einer ganzen Generation. Eine Geschichte, geboren aus der Krise eines Landes. Einer Krise, die gesellschaftliche und familiäre Strukturen ins Wanken bringt und zerstört.

Es ist der Film zum historischen Moment. Die Ereignisse der letzten Wochen haben sich überschlagen, die Weigerung von Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras, die fällige Kreditrate zu zahlen, die Abstimmung zum Sparpaket und das deutliche «Oxi», also Nein dazu, die zähen Verhandlungen und nun das neue, nicht weniger rigorose Spardiktat: Die europäischen Zeitungen sind voll von Schlagzeilen über das politische Seilziehen zwischen griechischen und europäischen Politikern. Aber die Krise im Land ist vor allem für die griechische Bevölkerung eine Belastung, grösser denn je.

Die Kinder müssen die Schulden der Eltern zahlen

«A Blast» beginnt mit einem Waldbrand, irgendwo an einer Küste Griechenlands. Der Brand ist der vorweggenommene Schluss einer krassen und tragischen Familiengeschichte, die vielleicht alle Schlüsselprobleme Griechenlands etwas zugespitzt, aber nicht wirklich übertrieben auf sich vereint.

In recht wild und kunstvoll montierten Rückblenden (manchmal auch in doppelt verschachtelten) wird erzählt, warum die junge Ehefrau eines Kapitäns und dreifache Mutter Marie (eindrücklich: Angeliki Papoulia) die Kinder bei ihrer Schwester abgibt und – das ist schon nach einigen Minuten klar – warum sie für diesen Waldbrand verantwortlich ist.

Liebespaar beim Sex.

Bildlegende: Yannis schläft sich um die Welt, statt sich um Probleme zu kümmern. Spot on

Es ist eine Geschichte, wie es sie zigtausendfach in Griechenland gibt: Die Eltern haben jahrzehntelang keine Steuern bezahlt, die nun erwachsenen Kinder sollen jetzt, in der Krise, die Fehler der Eltern ausbaden. Während die dreifache Mutter Marie versucht, die Steuerschulden der Familie mit allen Mitteln irgendwie zu tilgen, schläft sich ihr Mann Yannis als Frachterkapitän um die ganze Welt – mit Frau und Mann, um sich nur ja nicht mit den Problemen zuhause auseinander setzen zu müssen. Auch wenn er einmal zuhause ist, sieht man ihn fast nur bei leidenschaftlichen Liebesszenen mit seiner Frau Marie. Die Schwester Maries und deren Mann versuchen derweil, die Schuld der Eltern an die Immigranten weiterzuschieben und verkehren in ultranationalistischen Kreisen.

Ein visionärer und realistischer Film

Der Film kommt jetzt in die Deutschschweizer Kinos. Premiere feierte er allerdings schon vor knapp einem Jahr am Filmfestival von Locarno. Es ist wie so oft im Kino – die Aktualität holt die Fiktion ein, das Kino ist Seismograph der gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Und veraltet ist der Film mit der dramatischen Familiengeschichte gar nicht – im Gegenteil.

Regisseur Syllas Tzoumerkas hat die Zeichen gesellschaftlichen Zerfalls und familiärer Zwiste, die aus der Krise heraus entstanden gelesen und zugespitzt. Er hat die Auswirkungen einer politischen und gesellschaftlichen Krise auf die Dynamik in den Familien genau beobachtet und seziert. Und er hat einen visionären Film über den Effekt eines Landes am Abgrund auf Einzelpersonen gedreht. Visionär ist sein Film – aber auch verstörend nah an der Realität.

Eine Generation die von zwei Seiten verraten wird

Man spürt nicht nur diese sorgfältige Beobachtungsgabe des Regisseurs Syllas Tzoumerkas, sondern auch seine angestaute Wut auf die Eltern seiner Generation. Da ist diese junge Generation, die von zwei Seiten betrogen und bedroht wird: Die Eltern haben die Misere verursacht, die Kinder werden von der immer grösser werdenden nationalistischen Bewegung vereinnahmt. Wütender und wörtlicher hat man dieses Generationendilemma noch nicht erzählt bekommen. «A Blast» von Syllas Tzoumerkas ist weder Kommentar noch Allegorie auf die Misere Griechenlands. Er ist noch nicht einmal eine Übertreibung. Der Film ist ein schonungsloses Bild eines Landes, das schon lange nicht mehr am Abgrund steht, sondern schon hineingefallen ist.

Kinostart: 30.7.2015

Sendung zu diesem Artikel