Wenn starke Frauen wilde Katzen zähmen

Das Dokumentarfilmfestival «Visions du Réel» zeigt viele Filme, die starke Frauen porträtieren. Darunter etwa «Wild Women – Gentle Beasts», ein Dokumentarfilm von Anka Schmid. Ein Gespräch mit der Regisseurin über starke Tiere und starke Frauen – auch ausserhalb der Manege.

Eine Dompteurin und ein Löwe essen gemeinsam etwas.

Bildlegende: Jederzeit könnte etwas passieren. Und doch ist Dompteurin sein für diese Frauen eine Passion. Visions du Réel

Anka Schmid, in Ihren bisherigen Dokumentarfilmen haben sie schwangere Teenager, Künstlerinnen oder Hopi-Indianer porträtiert. Und nun ausgerechnet Dompteurinnen. Was hat Sie an dieser Idee gereizt?

Als ich jung war, in den 70er-Jahren, gab es eine der ersten Fernsehserien: «Salto Mortale». Diese handelte von einer Artistenfamilie. Eine Raubtierdompteurin, «Tiger-Lilly», war auch mit dabei. Damals wurde mir klar: Wenn ich gross bin, möchte ich Raubtierdompteurin sein. Das war ein ständiger Wunsch, eine ständige Faszination. Mit 50 wollte ich dann wissen: Was heisst es, Raubtierdompteurin zu sein? Was steckt hinter diesen Frauen in der Arena?

Im Film kommen vier Frauen aus ganz unterschiedlichen Ecken der Welt zu Wort – aus Russland, Katar, Frankreich und Deutschland. Haben die Frauen Gemeinsamkeiten?

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Trailer «Wild Women – Gentle Beasts»

1:50 min, vom 16.4.2015

Alle lieben ihre Tiere und verbringen täglich Stunden mit ihnen. Ferien gibt es keine. Sie sind 24 Stunden für ihre Tiere da.

Braucht es nicht mehr als Tierliebe, um sich ausgerechnet mit Raubtieren zu beschäftigen und sich tagtäglich der Lebensgefahr auszusetzen?

Man braucht ganz viele Fähigkeiten. Alle diese Frauen sind sehr geschäftstüchtig. Es braucht Kampfgeist, um sich in Zirkusbetrieben durchsetzen zu können. Man muss auch den Körper beherrschen. Diese Shows sind ja durch und durch präzise. Tägliches Training – auch Körpertraining – ist da ganz wichtig.

Sie benötigen vermutlich auch ein Training der Psyche, um die Angst zu beherrschen?

Die Angst begleitet die Frauen, aber sie wird in eine Ecke gedrängt. Man darf nicht zittern vor Angst. Man braucht die Aufmerksamkeit. Die Dompteurinnen betreten den Käfig – im Wissen, dass die Tiere jeden Moment zu Bestien werden können.

Hatten Sie manchmal Bedenken, aus nächster Nähe bei dieser Arbeit zu zuschauen? Dass es etwas Voyeuristisches haben könnte, da man immer im Hinterkopf die Möglichkeit hat, dass etwas passiert.

Eine Dompteurin küsst einen Tiger.

Bildlegende: Die Liebe zu den Tieren: Sie ist für Dompteure wichtig. Visions du Réel

Wenn ich Filme mache, muss ich mich immer damit auseinandersetzen: Bin ich voyeuristisch oder ermögliche ich durch meinen persönlichen Blick anderen Leuten einen Einblick in diese Welt?

Bei diesem Projekt hatte ich das Gefühl nicht. Ich hatte mit Leuten zu tun, die sich gerne zeigen. In der Manege sein, auftreten vor Menschen – das hat ja auch etwas Exhibitionistisches. Insofern hatte ich hier nie das Gefühl von Voyeurismus.

Was soll der Film bei den Zuschauern bewirken?

Der Film bietet die Möglichkeit, nicht nur das zu sehen, was in der Manege passiert, sondern einen Blick dahinter: Was heisst es mit diesen Tieren zu leben? Was heisst es, unterwegs zu sein? Zudem ist dieses Verhältnis von Tier und Mensch schon sehr exemplarisch. Wenn Menschen – in diesem Fall Frauen – auf gefährliche Tiere eingehen. Und das jeden Tag.

Der Film feiert Premiere am Dokumentarfilmfestival «Visions du Réel» in Nyon. In vielen Filmen werden starke Frauen porträtiert. Wie kommt das?

Es ist die Zeit der Frauen. Hillary Clinton macht sich gerade ein zweites Mal auf den Weg für die Präsidentschaft. Frauen entdecken die Welt neu. Es gibt viele brüchige und spannende Biographien. Und alles, was spannend ist, und eben auch neue Wege zeigt, ist auch spannend auf der Leinwand.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 15.4.2015, 17:20 Uhr

Veranstaltungshinweis

Das Dokumentarfilmfestival «Visions du Réel» findet vom 17. bis zum 25. April in Nyon statt.