Wie unterhaltsam ist «Derrick» 42 Jahre nach seiner TV-Premiere?

Er war bieder. Er war grau. Er war unverkennbar deutsch. Und er wurde geliebt. Nicht nur in seiner Heimat, sondern in über 100 Ländern. Zum Beispiel in Italien, wo man ihn zärtlich «Derrickee» rief. Oder in China, wo bis zu 400 Millionen Menschen mitfieberten. Doch wie schlägt sich «Derrick» heute?

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Filmschätzchen: «Derrick»

5:29 min, vom 19.10.2016

Schluss! Aus! Ende! Nach 281 Folgen durfte Horst Tappert endlich seinen Dienst als Fernsehkommissar quittieren. Aufhören wollte er schon viel früher, doch bis 1998 konnten die Macher den gelernten Buchhalter immer wieder zum Weitermachen motivieren.

Ein viertel Jahrhundert lang hatte Tappert pflichtbewusst den Phlegmatiker der Verbrechensbekämpfung gespielt. «Derrick» war die Rolle seines Lebens und wird auf ewig sein Vermächtnis bleiben.

Spiesser mit Nazi-Vergangenheit

Dass er mit der Rolle des biederen Inspektors gleichgesetzt wurde, störte Tappert nicht. Im Gegenteil: Er förderte den Vergleich, indem er immer wieder darauf hinwies, dass sein Charakter und derjenige von Stephan Derrick ziemlich deckungsgleich seien. Sich selbst bezeichnete Tappert gerne als Spiesser; Skandale waren ihm Zeit seines Lebens fremd.

Erst 2013 – fünf Jahre nach Horst Tapperts Tod – zeigte sich, dass dessen Weste alles andere als weiss gewesen ist. Tappert hatte gelogen, seine Nazi-Vergangenheit verheimlicht: Er war während des Zweiten Weltkriegs nicht Truppen-Sanitäter gewesen, sondern Mitglied der Waffen-SS.

«Derrick» aus ideologiekritischer Sicht

Horst Tappert zielt als Inspektor Stephan Derrick Richtung Kamera.

Bildlegende: Meist kommt er ohne sie aus: Derrick mit seiner Dienstwaffe. Keystone

In Holland, Belgien und Frankreich wurde «Derrick» daraufhin aus dem Programm genommen. Die Rezeption von «Inspektor Makellos», wie ihn der Spiegel nannte, hatte sich grundlegend verändert. Am grössten war die Empörung in den Boulevardblättern. Die Bild-Zeitung titelte nach dem überraschenden Fund von Tapperts Militär-Erinnerungsstücken gar: «Derricks SS-Kiste aufgetaucht» – als ob sich Saubermann Derrick als Nazi entpuppt hätte.

Dabei ist Serienheld Derrick durchaus ideologiekritisch: Schon in der ersten Folge hebt sich der Oberinspektor deutlich vom erzkonservativen Umfeld ab, in dem er ermittelt.

Die Episode namens «Waldweg» entstand im Bayern der 70er Jahre, mitten in der Blütezeit der CSU. Ein Mädchen wird ermordet. Schon wieder. Und was tut die Bevölkerung? Sie spricht von der Mitschuld, die das Opfer aufgrund freizügiger Kleidung zu tragen habe. Nur einer lässt sich vom chauvinistischen Klima nicht den Verstand vernebeln: Stephan Derrick.

«Filmschätzchen» statt Filmschatz

Schritt für Schritt, gesegnet mit messerscharfem Verstand und stoischer Gelassenheit, kommt Derrick dem Mörder schliesslich auf die Spur. Im Zeitalter hektischer Krimiserien fühlt sich das gemächliche Erzähltempo wie Wellness an. «Waldweg» ist nicht mitreissend, aber dank des Faktors Nostalgie durchaus prickelnd und herrlich entspannend.

Die «Derrick»-Macher: Nebendarsteller Fritz Wepper, Autor Herbert Reinecker und TV-Star Horst Tappert.

Bildlegende: Schrieb alle 281 «Derrick»-Folgen: Herbert Reinecker, hier zwischen Fritz Wepper und Horst Tappert. Keystone

Die erste Folge von «Derrick» als waschechten Filmschatz zu bezeichnen, wäre freilich zu hoch gegriffen. Treffender ist da schon der Begriff «Filmschätzchen» – gerade wegen des frauenfeindlichen Untertons. Schliesslich strotzt das TV-Bayern der 70er Jahre nur so vor sexistischem Geschwätz, das an die unbedarften Äusserungen von SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler erinnert. Mit Blick auf den populären Hashtag Schweizer Aufschrei konstatieren wir: «Derrick» ist heute aktueller, als wir es für möglich gehalten hätten.