Wim Wenders hat einen 3D-Film gedreht, in dem nur geredet wird

Wim Wenders hat als einer der Ersten das 3D-Format in einem Dokumentarfilm eingesetzt. «Pina» war eine Lektion in Sachen Sehgewohnheiten. Nun setzt er dieses 3D-Abenteuer fort – mit dem Dialogstück «Les Beaux Jours d’Aranjuez» nach dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Handke.

Ein Mann und eine Frau sitzen in einem wunderschönen Garten an einem Tisch.

Bildlegende: Ein Mann und eine Frau sprechen auf der Terrasse eines Sommeranwesens 90 Minuten über die Liebe. Donata Wenders

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Ein Dialog direkt aus der Schreibstube (Filmszene)

2:56 min, vom 7.9.2016

«Les Beaux Jours d’Aranjuez» ist auf mehreren Ebenen ein radikaler Film. Radikal darin, Handkes Theaterstück nicht wirklich zu dramatisieren, sondern im Film die beiden Protagonisten, einen Mann und eine Frau, auf eine Bühne, beziehungsweise an einen Gartentisch zu setzen und dort verweilen und nur sprechen zu lassen.

Radikal ist auch, dass ein deutscher Filmemacher einen österreichischen Dramatiker in französischer Sprache verfilmt. Und radikal ist Regisseur Wim Wenders in seiner Verwendung der 3D-Technik.

Statische Bilder

Diese Optik, die einen als Zuschauer durch die Leinwand hindurch in die Szenerie mitnimmt, ist hier eigentlich gar nicht nötig. Es gibt keine aufregenden Effekte, keine grossen Kamerafahrten, fast nur statische Bilder in einem französischen Herrenhaus und dessen Garten.

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Anfangszene «Les Beaux Jours d’Aranjuez»

3:13 min, vom 7.9.2016

Nachdem Wim Wenders den Zuschauer in einem wunderbaren Filmbeginn durch komplett entleerte Pariser Alleen und Strassen mitgenommen hat, findet man sich wieder in der Schreibstube eines Schriftstellers. Er schreibt einen Dialog für eine Frau und einen Mann.

Leiden- und Liebschaften

Durch das Fenster sieht er auf einen wunderbaren Gartenplatz unter einer Pergola, in der Ferne die Stadt Paris – und schliesslich sitzen auf dem Platz tatsächlich der Mann und die Frau, für die er den Dialog schreibt.

Ein Porträt von Wim Wenders.

Bildlegende: Wim Wenders hat am Filmfestival Venedig im Wettbewerb um den Goldenen Löwen «Les Beaux Jours d’Aranjuez» vorgestellt. Peter Lindbergh

Es ist ein Sommerdialog, ein Dialog über Erinnerungen und Sehnsüchte – wobei der Mann der Frau Fragen stellt über ihr Sexualleben, über ihre Leiden- und Liebschaften, während er selber ab und zu eine Geschichte einstreut, Naturmetaphern, Geschichten über Gärten, über Vögel, über Früchte.

Drei Filme dank einer Freundschaft

Die Freundschaft zwischen dem Filmemacher Wim Wenders und dem Schriftsteller Peter Handke dauert schon 50 Jahre an – drei Filme sind bisher aus dieser Freundschaft heraus entstanden, «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» (1972), «Falsche Bewegung» (1975) und nun «Les Beaux Jours d’Aranjuez».

Peter Handke hat das Stück auf Französisch geschrieben für seine Ehefrau Sophie Semin – und konsequent verfilmt Wenders es auch in Französisch.

Nicht die beste, aber die einzig richtige Schauspielerin

Handkes Ehefrau Sophie Semin spielt selber die Frau. Das ist, auch wenn sie nicht die beste Schauspielerin sein mag, die einzig richtige Wahl. Denn als weibliche Zuschauerin beschleicht einen im Laufe des Films immer mal wieder das Gefühl, dass hier einmal mehr ein Mann versucht, die Frauen zu begreifen.

Ein Porträt von Sophie Semin.

Bildlegende: Das Theaterstück schrieb Peter Handke für seine Frau Sophie Semin. Im Film spielt sie eine Hauptrolle. Donata Wenders

Der Mann im Stück gibt gar nichts von sich preis, die Frau ihr ganzes Innenleben, das ihr aber von einem Mann zugeschrieben wurde (und von einem weiteren Mann filmisch inszeniert wurde).

Der Dialogpartner wird gespielt von Reda Kateb. Peter Handke selber hat einen Kurzauftritt als Gärtner – und der Musiker Nick Cave spielt im Film gleich selber am Flügel im Flur des Schlosses. Wie immer in Wenders' Filmen ist die Musik wunderschön.

Perfekte Beherrschung

«Les Beaux Jours d’Aranjuez» ist kein leichter Film – gerne hätte man diesen Dialogtext schriftlich vor sich, um ab und zu etwas nochmal nachzulesen.

Erschwert wurde dieser Umstand am Filmfestival noch dadurch, dass der Film nur in Französisch mit italienischen Untertiteln lief.

Dennoch entwickelt er einen Sog. Man sitzt tatsächlich an diesem wunderschönen Sommertag im Garten auf der Anhöhe, in der Ferne flimmert die Stadt Paris. Und das liegt nicht nur, aber zu einem grossen Teil auch an der von Wenders mittlerweile perfekten Beherrschung von 3D. Die Figuren wirken weder zu klein noch ist das Bild zu dunkel.

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