Zurich Film Festival: Noch hat Locarno die Nase vorn

Das Zurich Film Festival ist eine Erfolgsgeschichte – sagen die Macher stolz. Das ZFF ist ein Marketing-getriebenes Show-Festival ohne künstlerischen Wert – sagen die Kritiker. Unsere Bestandsaufnahme zeigt: Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

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Wie wichtig ist das Zurich Film Festival?

1:42 min, vom 30.9.2013

16 Weltpremieren werden am 9. Zurich Film Festival gezeigt. «Mehr denn je!», verkünden die Freunde des Festivals. Das stimmt und ist erfreulich. Doch wer beim 122 Filme umfassenden Programm etwas genauer hinschaut, merkt rasch, dass es sich bei den Weltpremieren fast ausschliesslich um deutschsprachige Dokumentarfilme handelt.

Die grossen internationalen Spielfilmproduktionen, über die im Kontext des ZFF am meisten geredet wird, haben längst woanders Premiere gefeiert: Der Eröffnungsfilm «Rush» mit Daniel Brühl als Formel-1-Pilot Niki Lauda lief beispielsweise in Toronto, genauso die Moralstudie «Prisoners» mit Hugh Jackman. Robert Redfords One-Man-Show «All Is Lost» konnte bereits in Cannes bestaunt werden, Michael Douglas‘ grandiose Performance als schwuler Starpianist «Liberace» ebenfalls. Und der Science-Fiction «Gravity» mit Sandra Bullock und George Clooney eröffnete die Filmfestspiele von Venedig. Diese Liste liesse sich fast beliebig weiterführen.

Gutes Networking sei Dank

Nadja Schildknecht (Ko-Direktion), Marc Forster (Jurypräsident) und Karl Spoerri (Ko-Direktor)

Bildlegende: Nadja Schildknecht (Ko-Direktorin), Marc Forster (Jurypräsident) und Karl Spoerri (Ko-Direktor) an der Eröffnung. Keystone

Doch interessiert das den durchschnittlichen ZFF-Festivalbesucher überhaupt? Wahrscheinlich nicht. Schliesslich dürfte die überwältigende Mehrheit des Publikums die bedeutenden Festivals in Cannes, Venedig oder Toronto noch nie besucht haben. All diesen Kinofans bietet das ZFF einen guten Service: Es zeigt eine stark zuschauerorientierte Auswahl internationaler Festivalperlen, lange bevor diese in unseren Kinos laufen.

Dass immer mehr Hollywoodstars die Limmatstadt besuchen, freut die meisten ZFF-Besucher ebenfalls. Was das Staraufgebot betrifft, hat Zürich das Filmfestival von Locarno dank gutem Networking längst abgehängt. Nur bei Harrison Ford war das nach wie vor höchstdotierte Filmfest der Schweiz eine Spur schneller: Der diesjährige Gewinner des «Golden Eye for Lifetime Achievement» hat im Tessin schon vor zwei Jahren einen Ehrenpreis gekriegt.

Locarnos neuer Festivalleiter Carlo Chatrian verzichtete laut SDA auf zwei im Tessin angesiedelte Filme: Xavier Kollers «Die schwarzen Brüder» und Markus Imbodens Buchverfilmung «Am Hang». Imboden zog nach eigener Aussage die Premiere am ZFF vor, da diese näher beim offiziellen Kinostart des Films liegt.

Es bleibt abzuwarten, ob sich das Zürcher Filmfest allein wegen dieser grösseren Nähe zum Kinostart als die bessere Startrampe für «Die schwarzen Brüder» und «Am Hang» erweisen wird. Mit dem künstlerischen Renommee des Filmfestival Locarno und mit dem Zauber der Piazza können die Kinos Corso und Arena in Zürich jedenfalls nicht mithalten. Daran ändert auch Kollers Glamour-Lobeshymne für das ZFF in der «NZZ am Sonntag» nichts.

Mehr Schweizer Akzente

Das Bemühen der Zürcher Festivalleitung, vermehrt Schweizer Akzente zu setzen, wird an anderen Tatsachen sichtbar: zum Beispiel an der Ernennung des Davoser Hollywood-Exports Marc Forsters zum Jurypräsidenten. Oder an der gewagten Platzierung von Petra Volpes schweizerisch-deutschem Prostitutions-Drama «Traumland» im internationalen Spielfilm-Wettbewerb.

Auch in der Dokfilm-Sparte sind helvetische Regisseurinnen und Regisseure gut vertreten: Neben der vielversprechenden Newcomerin Anna Thommen («Neuland»), zeigen auch bereits etablierte einheimische Filmemacher wie Eric Bergkraut («Service inbegriffen») oder Alberto Venzago («Gergiev: A Certain Madness») ihre neusten Werke. Zumindest für den Schweizer Film scheint das ZFF also tatsächlich an Bedeutung gewonnen zu haben.