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Die Kulturgeschichte des Fetisch-Begriffs
Aus Kultur-Aktualität vom 19.07.2021.
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Gasmasken und Lippenstift Fetische für dich und mich

Fetisch klingt nach schrägen Vorlieben und Sexspielzeug. Aber eigentlich sind wir alle Fetischistinnen und Fetischisten. Denn wir hängen unser Herz an Dinge. 

Der eine sammelt Sneakers oder Vinylplatten, die andere besondere Bücher oder Schweinchenfiguren. Interessant wird es bei Gasmasken oder Automotoren. Wir haben vier Menschen gefunden, die sich für bestimmte Dinge so begeistern, dass sie einen ausserordentlichen Platz in ihrem Leben einnehmen.

Es sind Fetischistinnen und Fetischisten wie du und ich – und sie haben uns von ihrer Begeisterung und ihren Leidenschaften erzählt. 

  • Der Bieler Universalkünstler Monsignore Dies hortet Gasmasken und Schaufensterpuppen. 
  • Die Baslerin Zoe Scarlett hat einen Tick für die 1950er-Jahre und lebt als Showgirl ihre Lust an Glanz und Glamour aus. 
  • Der Rheintaler Garagist Hitsch Kobelt sammelt Oldtimer-Motoren und ergötzt sich an ihrem spezifischen Sound.
  • Und die Bündner Autorin Romana Ganzoni hat ein besonderes Verhältnis zum Lippenstift. 

Monsignore Dies lässt die Schaufensterpuppen tanzen  

Legende: Manchmal kann's auch eine Schweinchen-Maske sein. Hauptsache, das Objekt erzählt eine Geschichte, sagt Monsignore Dies. Monsignore Dies

Wer sagt eigentlich, dass man nur einen Fetisch haben kann? Monsignore Dies, Künstler und Musiker aus Biel, liebt Schaufensterpuppen und Schallplatten, Horrorfilme und Gasmasken.

In seinem riesigen Lagerraum stapeln sich skurrile und verrückte Dinge. Für ihn sei das ganz normal, sagt er: «Ein Raum voll mit Sachen, die andere vermutlich als Scheissdreck definieren.»

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Ein Lager voller Gasmasken und Schaufensterpuppen
03:39 min, aus Kultur-Aktualität vom 21.07.2021.
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Scheissdreck? Monsignore Dies liebt durchaus die schönen Dinge. Am liebsten hat er Sachen reiferen Alters. Gegenstände, die solide gefertigt sind. Aber ja – trashig geht auch.

Die Schaufensterpuppen zum Beispiel, die überall herumstehen. Mit Schaufensterpuppen könne man viel Blödsinn machen, sagt Monsignore Dies. Und das ist wichtig. Denn der Mann, der nie ohne Hut zu sehen ist, verwendet die Puppen auch für Installationen und Performances. 

Er mag auch hässliche Sachen. Womit er nicht seine Gasmasken meint; die findet er schön. Aber Bau-Schaum sei nun wirklich abstossend. Interessant findet er das Material gleichwohl, «denn es steckt im Verborgenen in Gebäuden.» Und so was muss einen Mann wie Monsignore Dies einfach interessieren.  

Nicht nur, weil ihn das Abgründige und Verborgene grundsätzlich faszinieren. Sondern auch, weil er die Geschichten liebt, die in den Dingen stecken. Die realen Geschichten und die fiktiven.

Denn, so sagt Monsignore Dies, «wir leben von den Geschichten, die uns erzählt werden – und von denen, die wir uns selbst erzählen.» 

Petticoat, Converse-Turnschuhe und Lidstrich: Zoe Scarlett zelebriert die Fifties 

Legende: Hat ihr Hobby zum Beruf gemacht: Entertainerin Zoe Scarlett. Dirk Behlau

Zoe Scarlett  fährt einen Oldtimer mit beeindruckenden Heckflossen – und kann ihn auch selbst reparieren. Die Moderatorin und Entertainerin kennt sich aus mit Hot Rods, Tattoos und authentischen Korb-Handtaschen.

Ihre Leidenschaft für die 1950er-Jahre hat Zoe Scarlett zum Beruf gemacht. Als Eventmanagerin sorgt sie auf Festivals und Firmenanlässen für den passenden Retro-Touch. 

Ihre Passion hegt Zoe bereits seit Kindertagen. Sie wuchs in einem Fifties-begeisterten Haushalt auf, trug schon als Kind Petticoats und Converse-Turnschuhe und schraubte an alten Autos. 

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Leben in den 50ern mit Zoe Scarlett
03:27 min, aus Kultur-Aktualität vom 23.07.2021.
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Die kurvenschmeichelnden Schnitte der Retro-Mode begeistern Zoe Scarlett, weil sie «den weiblichen Körper feiern».   

Trotz Tick für die Vergangenheit lebt die Entertainerin ganz im Hier und Jetzt. Nostalgisch sei sie nicht, «sonst hätte ich kein Smartphone, keinen Laptop und wäre wahrscheinlich Hausfrau geworden.»

Sie höre ebenso gerne Elvis wie Eminem, gesteht Zoe Scarlett. Sie mischt das Beste aus allen Zeiten – ohne mit der getuschten Wimper zu zucken.  

Hitsch Kobelt und seine Oldtimer-Motoren  

Legende: Hitsch Kobelt findet Schönheit an ungewohnten Orten, wie zum Beispiel bei einem Lastwagenmotor. SRF/Matthias Willi

An die 50 verschiedene Zündschlüssel liegen auf dem Tresen beim Eingang zur Werkstatt in Marbach, St. Gallen. Was aussieht wie ein wildes Durcheinander, hat Methode: «I weiss vo jedem ganz genau woner ischt, usser du gohsch jetz go wüala», warnt Hitsch Kobelt im breiten Rheintaler Dialekt augenzwinkernd. 

Der Mechaniker sammelt  Motoren, Getriebe und andere Bauteile von alten Fahrzeugen. Der erste Diesel-Achtzylinder aus dem Hause Saurer oder ein sternförmiger Flugzeugmotor, der eigentlich zu einer russischen Antonov gehört: für Hitsch Kobelt beides nur einen Gang ins Lager entfernt. Und, wie alles bei ihm: funktionstüchtig. Die rappelvollen Regale mit den alten Bauteilen reichen bis fast unter die Decke. 

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Zu Besuch in der Werkstatt von Hitsch Kobelt
03:12 min, aus Kultur-Aktualität vom 28.07.2021.
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Alte Maschinen wieder zum Laufen zu bringen, ist Hitsch Kobelts Passion. Auch einen 40 Jahre alten Lastwagen bereitet er lieber wieder auf, als dass er ihn verschrottet. «Das sind Maschinen, die von Menschen für Menschen gebaut wurden. Und sie sind so gemacht, dass man sie reparieren kann. Nicht wie heute, wo alles auf schnellen Verschleiss angelegt ist», sagt er und rührt mit dem Schraubenzieher in seinem Nescafé.  

Legende: Innereien eines Motors: Hitsch Kobelt liebt es, alte Maschinen wieder funktionstüchtig zu machen. SRF / Matthias Willi

Über die meisten seiner Maschinen sei er «gestolpert», als er für andere Aufträge nach anderen Dingen gesucht habe. So ging es ihm auch mit seinem Liebling, dem Sportwagen «Sunbeam» von 1928. Mit dem fast 100-jährigen Auto fuhr er vor zwei Jahren eine 14'000 Kilometer lange Rallye von Peking nach Paris. 

Und beim Blick unter die Motorhaube leuchten Kobelts Augen: «Er ist schlicht gut gebaut: alles genau da, wo es hingehört. Das ist einfach schön anzuschauen!» Er jedenfalls könne das stundenlang tun, sagt er – trotz Lärm und Abgasnebel. 

Romana Ganzonis Liebe zum Lippenstift 

Legende: Mit ein bisschen Farbe auf den Lippen bereit fürs Abenteuer: Autorin Romana Ganzoni bevorzugt momentan kaltes Rot. SRF/Matthias Willi

Lippenstift ist mehr als Schminke, davon ist Romana Ganzoni überzeugt: «Lippenstift signalisiert: Ich habe was vor, gehe unter Leute, weg aus meinem Tal.» Mit Lippenstift sei man bereit fürs Abenteuer, sagt die Engadinerin.   

Deswegen nutzt die Schriftstellerin den Lippenstift auch in ihren Geschichten und Romanen. Immer wieder finden sich dort Beschreibungen, wie Frauen Lippenstift tragen, auftragen und nachziehen.  

Der Farbton hilft dabei, auf Typen hinzuweisen: «An Matildes Zigarette klebte erdbeerfarbener Lippenstift, an Gretas kirschfarbener. Valentina trug zum gepuderten Gesicht durchsichtigen Lipgloss, der am Glas mit dem Birnensaft leichte Spuren hinterliess», steht etwa in Ganzonis Roman «Tod in Genua».  

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Romana Ganzoni und ihre Lippenstifte
03:37 min, aus Kultur-Aktualität vom 29.07.2021.
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Alle Lippenstifte, die Romana Ganzoni in ihren Texten beschreibt, besitzt sie selbst. Sie kennt die Farbtöne und Texturen: «Ich bevorzuge derzeit ein kaltes Rot», erklärt sie.  

Und die Farbe soll Spuren hinterlassen: «Wir stempeln uns mit dem Auftragen des Lippenstifts – und können handkehrum andere mit einem Kuss stempeln.» Darum soll die Farbe auch nicht zu fest an den Lippen haften, findet Romana Ganzoni: «Das ist doch der Charme daran, dass es vergänglich ist. Die Lippen nachzuziehen hat etwas von einer Zeremonie.» 

Das erfährt auch eine Figur aus dem Kurzgeschichtenband «Granada Grischun»: Die Frau hat mitten in Zürich eine Gämse erlegt, und bevor sie sie ausnimmt, macht sie sich mit Schminke und Lippenstift zurecht. 

«Im Lippenstift sind ja oft tierische Fette», erläutert die Autorin. «So wirkt es wie die Vorbereitung auf ein rituelles Opfer.»

Für Romana Ganzoni bedeutet Lippenstift etwas Intimes, aber auch eine Art Schutz: «Es ist eine zweite Schicht auf der Haut. So bekommt man auch irgendwie eine dickere Haut», sagt die Autorin, während ihr tiefroter Lippenstift leuchtet. 

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 30. Juli 2021, 8:10 Uhr;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Tödtli  (Beat Tödtli)
    Der Artikel trägt leider dazu bei, dass vergessen wird: Ein Fetisch ist zunächst und primär ein Gegenstand mit religiöser Bedeutung. Übernatürliche persönliche Geister oder unpersönliche Mächte, die in Gegenständen wohnen, können in bestimmten Kulturen durch Geschenke oder Opfer aktiviert werden.
    Dieser ethnologische Begriff wurde dann auf den sexuellen Kontext erweitert. Sexueller "Fetischismus" ist eigentlich/vermutlich/meist kein Fetischismus.
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    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Beat Tödtli Mit der Begriffsgeschichte des Fetischs setzen wir uns in diesem Artikel auseinander: https://www.srf.ch/kultur/mehr-als-nur-lack-und-leder-wie-der-fetisch-in-die-schmuddelecke-kam
    2. Antwort von Pascal Gienger  (Pascal Gienger)
      Sind Sie sicher, Herr Tödtli?
      Ich dachte diese religiös wichtigen Objekte sind keine Fetische sondern Reliquien.
      Und ja, diese werden von vielen Religiösen gesammelt und verehrt.

      Aber vielleicht verwechsele ich da etwas.