«10vor10»: Warum heute niemand mehr von «Infotainment» spricht

Vor 25 Jahren, am 20. August 1990, begrüsste Walter Eggenberger das Publikum zum ersten Mal zu «10vor10». Die neue Informationssendung sollte die Alternative werden zur seriösen, aber etwas trockenen Tagesschau. «Infotainment» war das Stichwort. Was ist aus diesem Begriff geworden?

Video «Die erste Ausgabe von «10vor10»» abspielen

Die erste Ausgabe von «10vor10»

1:20 min, vom 20.8.2015

Als «10vor10» noch neu war, war auch der Begriff «Infotainment» in aller Munde – von den einen als das neue grosse Ding gefeiert, von den andern mit distanziertem Ekel betrachtet. Heute ist davon so gut wie nicht mehr die Rede.

Wenn ein bestimmtes Muster zum Normalfall geworden ist, brauche man dafür auch keinen Begriff mehr, sagt Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Das gilt also auch für «Infotainment».

Heue werden Information und Unterhaltung klarer unterschieden

Heute will so gut wie jede Form von Journalismus ein bisschen unterhaltsam sein – auch ohne in den Boulevard-Journalismus abzugleiten. Damals habe man mit diesem Mischmasch von Information und Unterhaltung experimentiert, sagt Roger Blum, emeritierter Professor für Medienwissenschaften. Inzwischen sei es wieder klarer, was zur Information und was zur Unterhaltung gehört. Informationssendungen seien heute a priori unterhaltender als sie es früher waren.

Zum Beispiel durch Elemente der klassischen Reportage, die mittlerweile in zahlreiche Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge einfliessen: Es geht um Menschen, Orte, Geschichten. Heute spricht man im Journalismus oft von «Storytelling». Nur wer Geschichten erzählt, findet Zuhörerinnen, Zuschauer, Leserinnen.

Wird es einen Gegentrend geben?

Dass Journalismus heute oftmals unterhaltsam ist, hat damit zu tun, dass das mediale Angebot heute viel grösser geworden ist, vor allem auch die technischen Möglichkeiten. Dies gelte vor allem im Internet, sagt Roger Blum.

So sieht das auch Medienjournalist Nick Lüthi, Chefredaktor der «Medienwoche». Das Internet mache vor, wie unterhaltsam Journalismus sein könne, ja geradezu müsse: «Die Unterhaltung hat im Web einen grossen Stellenwert. Wenn man dagegen ankommen und seine eigenen Inhalte erfolgreich vermitteln will, müssen auch Bestandteile der Unterhaltung Teil davon sein.»

So ist der Begriff «Infotainment» obsolet geworden. Weil heute eben alles Infotainment ist. Doch dieser Trend könnte auch einen Gegentrend auslösen, findet der Journalistik-Professor Vinzenz Wyss: «Gerade weil Infotainment zum Normalfall geworden und das Publikum gesättigt ist, könnte die Gegenstrategie – relevante Themen, nach wie vor gut aufbereitet – wieder zu einer sinnvollen Strategie werden.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 20.8.15, 12:10 Uhr