Die Mauer ist nicht gefallen, sie wurde zu Fall gebracht

Aus Wut wurde Mut: 1989 gingen in der DDR Tausende auf die Strasse. Ihr gewaltloser Protest brachte am 9. November die Mauer zu Fall. Ein historisches Ereignis, das zu den bedeutendsten des vergangenen Jahrhunderts zählt. Ein Rückblick.

DDR-Grenzsoldaten schauen am 11. November 1989 durch ein Loch, das Jugendliche in die Berliner Mauer gestemmt haben.

Bildlegende: DDR-Grenzsoldaten schauen am 11. November 1989 durch ein Loch, das Jugendliche in die Berliner Mauer gestemmt haben. Keystone

Das gigantische Bollwerk hatte eine Gesamtlänge von 155 Kilometern. Es schlang sich rund um Berlin und bildete die Grenze zwischen Ost und West, eine Grenze nicht nur für das geteilte Deutschland, sondern auch für eine tief gespaltene Welt.

Bewacht von Grenzsoldaten mit Schiessbefehl, versehen mit Stacheldraht, Minen und sogenannten Selbstschussanlagen war dieses Monstrum geradezu unüberwindlich. 138 Mauertote hat es gekostet, DDR-Flüchtlinge zumeist. Von der einen Seite wurde diese Mauer als «Friedensgrenze» und «antifaschistischer Schutzwall» bezeichnet, von der anderen als «kommunistische Schandmauer».

28 Jahre getrennt

Zur Erinnerung: Nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die alliierten Siegermächte USA, Sowjetunion, Grossbritannien und Frankreich Deutschland in vier Sektoren auf. Da sie sich nicht auf eine gemeinsame Zukunft für das am Boden liegende Deutschland einigen konnten, kam es zum Zerwürfnis zwischen Ost und West. In den drei Westzonen gründeten sie die Bundesrepublik Deutschland, in der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik. Mittendrin war das geteilte Berlin, das mehr und mehr zum Brennpunkt im Kalten Krieg wurde.

Bauarbeiter lassen mit einem Kran Steine für die Mauer herab.

Bildlegende: 1961: Mauerklötze werden zu einer Mauer nebeneinander gebaut. Wikimedia/ Bundesarchiv Deutschland

Nach der Gründung der DDR versuchten Hunderttausende in die Bundesrepublik Deutschland zu fliehen. Die DDR begann, die innerdeutsche Grenze ab 1952 durch Wachmannschaften, Zäune und Alarmvorrichtungen abzusichern. Einziges Schlupfloch blieb Berlin, von wo aus die DDR «auszubluten» drohte. Deshalb liess die Staatsführung unter Ulbricht 1961 Berlin innerhalb weniger Stunden teilen und errichtete die Mauer.

Doch das «System» DDR begann in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zu wackeln. Das Land war tief verschuldet und dafür zu hoch gerüstet. Mit dem neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, kam neuer Wind in den bis dahin zusammenhängenden Ostblock.

Ein Loch im eisernen Vorhang

«Glasnost» und «Perestroika» brachten demokratische Reformen mit sich. Ungarn und die damalige Tschechoslowakei begannen ihre Grenzen zu lockern, der sogenannte Eiserne Vorhang hatte plötzlich ein Loch. Die DDR konnte aber nur innerhalb einer hermetisch geschlossenen Westgrenze existieren. Wieder flohen Tausende von DDR-Bürgern in die BRD.

Eine sture DDR-Führung unter dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker wollte die Zeichen der Zeit nicht erkennen – auch nicht als Gorbatschow ihn im Herbst 1989, zum 40 Jahrestag des Bestehens der DDR, mahnte: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben».

Aus Wut wurde Mut

Blick auf Demonstranten in Berlin – bei Nacht.

Bildlegende: Nach Friedensgebeten formierten sich Demonstranten an der Nikolaikirche in Leipzig. Wikimedia/Bundesarchiv Deutschland

Unruhe und Empörung wuchsen im DDR-Volk, nach Jahrzehnten der Regungslosigkeit kam es im Oktober 1989 zum offenen Protest. Aus Wut wurde Mut. Aus Depression wurde Bewegung. Am 9. Oktober vor 25 Jahren skandierten in Leipzig 70'000 Demonstranten bei der berühmten Montagsdemonstration «Wir sind das Volk».

Ein Glück, dass es so viele waren, erinnert sich der Theologe und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer. Wenige Wochen zuvor hatte die DDR noch die chinesische Führung beglückwünscht, die die Volksproteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking mit einem Massaker beendet hatte. Auf 70'000 Menschen zu schiessen, das traute sich auch der korrupteste SED-Politiker nicht.

Mit diesem «Wunder von Leipzig» war ein Zeichen für die gesamte DDR gesetzt – gewaltlos. Zurecht wird der Umsturz in der DDR deshalb als eine «friedliche Revolution» bezeichnet.

500'000 forderten Reisefreiheit

Am 4. November dann kam es zur grössten – nicht staatlich organisierten – Demonstration in der Geschichte der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz. Die Zentrale Forderung der dort versammelten 500'000 Menschen war die Reisefreiheit. Die DDR-Führung reagierte auf den enormen Druck und trat zurück. In einer etwas wirren Pressekonferenz gab der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Günter Schabowski, am 9. November um 18 Uhr bekannt, dass ab sofort jeder DDR-Bürger Privatreisen ins Ausland unternehmen dürfe.

Mehrere Menschen hauen mit Hammern in die Berliner Mauer.

Bildlegende: «Mauerspechte» schlagen die Berliner Mauer kaputt. Wikimedia/ Raphaël Thiémard VivaoPictures

Von da ab gab es kein Halten mehr, um 22:30 Uhr wurde am Grenzübergang Bornholmer Strasse der erste Schlagbaum geöffnet, die sogenannten «Mauerspechte» zerlegten das 155 Kilometer lange Mauer-Monstrum in seine Einzelteile. Mit der Mauer fiel das Symbol für die Teilung der Welt, der Kalte Krieg in seiner damaligen Form war zu Ende. Die Auflösung der DDR begann, am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland vereinigt. 1989 hatten sich die DDR-Bürgerinnen und -Bürger also die Freiheit erkämpft, ein Jahr später folgte die Einheit.

Parallelen zu China

Die Mauer fiel nicht, sie wurde zu Fall gebracht. Die friedliche Revolution ging, wie wir heute wissen, haarscharf an einer gewaltsamen Niederschlagung vorbei. In Berlin und Leipzig standen Panzer und Geschosse bereit – so wie vier Monate zuvor in Peking. Auch dort hatten sich die Zeichen vermehrt, dass das kommunistische China sich mehr zur Welt öffnen könne. Auch dort hatte es friedliche Proteste gegeben. Anführer der Studentenbewegung hatten sich mit führenden Mitgliedern der Kommunistischen Partei zum Tee getroffen. Eine friedliche Revolution schien in China in diesem Frühsommer 1989 zum Greifen nah – ähnlich wie in der DDR. Und trotzdem rollten am 4. Juni die Panzer und richteten ein Blutbad an.

Im Angesicht dieser historischen Parallelen in diesem aufregenden Jahr 1989 kann man also das «Wunder von Leipzig» gar nicht hoch genug einschätzen. Geradevor diesem Hintergrund ist der 9. November 1989, dieser Tag der friedlichen Revolution, ein so wichtiger Tag in den deutschen und europäischen Geschichtsbüchern.