Aus dem Amazonas fliesst kein sauberer Strom

Die brasilianische Regierung sieht es als grosses Werk. Der Staudamm Belo Monte wird nach seiner Fertigstellung das drittgrösste Wasserkraftwerk der Welt sein. Viele Ureinwohner und Umweltschützer befürchten hingegen: Der Megadamm wird eine Kultur vernichten.

Thomas Häusler steht vor einem Bild von Arbeiten am Belo-Monte-Staudamm.

Bildlegende: Thomas Häusler berichtete 2012 über umstrittene Bauarbeiten im Amazonasgebiet. SRF / Matthias Willi / Bildmontage / Getty Images

Eine Angestellte der brasilianischen Regierung spricht von einem Ethnozid, der Vernichtung einer Kultur. Die Bundesanwältin Thais Santi sagt, dass beim Bau des Megadamms Belo Monte die Rechte der betroffenen indigenen Völker missachtet würden.

Obwohl es die Gesetze Brasiliens vorschreiben, wurden die am Xingu-Fluss ansässigen Völker kaum angehört. Sie lehnen den Damm ab, weil er ihren Lebensraum schwer schädigt und die traditionelle Fischerei unmöglich macht.

Indigene protestieren gegen Belo Monte und die Umweltpolitik der Regierung von Dilma Roussef.

Bildlegende: Indigene protestieren seit Jahren gegen Belo Monte und die Umweltpolitik der Roussef-Regierung. Getty Images

Geschenke sind kontraproduktiv

Die am Dammbau beteiligten Unternehmen haben die betroffenen Menschen zwar finanziell und mit Geschenken entschädigt. Die Regierung sagt, 15 Prozent der Gesamtinvestitionen seien in das Entschädigungsprogramm geflossen.

Das sei nicht nur ungenügend, sondern kontraproduktiv, sagen Kritiker: Die Indigenen würden durch die Gaben abhängig von der Konsumgesellschaft und würden sich nicht mehr durch die traditionelle Fischerei ernähren.

Fische verenden am Damm

In einem Bericht von Umweltorganisationen heisst es, dass die Dammbauer weniger als einen Drittel der staatlichen Umweltauflagen erfüllt hätten. Und dies, obwohl Kritiker selbst diese Auflagen als ungenügend bezeichnen.

Das brasilianische Umweltministerium hat festgestellt, dass durch die Bauarbeiten 16 Tonnen Fische verendet sind. Dies sei erst der Anfang, befürchten die indigenen Anwohner des Xingu-Flusses: Der Damm behindere die Wanderung der Fische und gefährde so ihren Bestand.

Schlechte Karten vor Gericht

Bundesanwältin Thais Santi hat die brasilianische Regierung verklagt – und auch die «Interamerikanische Kommission für Menschenrechte» hat ein Verfahren eingeleitet. Trotzdem gibt es auch bei anderen neuen Dammprojekten in Brasilien die gleichen Klagen.

Zum Beispiel am Rio Tapajós. Dort stellen sich die indigenen Munduruku gegen den São-Luiz-Damm – und auch sie klagen, ihre verfassungsmässigen Rechte würden missachtet.

Diese Sicht hat sogar das brasilianische Umweltministerium gestützt und die Projektierung vorderhand gestoppt. Doch in der Vergangenheit haben höhere Gerichte ähnliche Verfügungen stets wieder aufgehoben.

Hunderte neuer Dämme

Der Damm São Luiz ist nur einer von mehreren, die am bisher ungestauten Tapajós projektiert sind. Im gesamten Amazonas-Gebiet sind rund 250 Dämme geplant, schreibt die Umweltorganisation WWF in einem Bericht.

Sie beklagt, dass jeweils nur die isolierten Auswirkungen dieser Projekte auf die Umwelt untersucht würden – wenn überhaupt. So viele neue Dämme aber hätten kummulierende Folgen. Würden alle gebaut, warnt der WWF, könnte das ernsthafte Folgen für das ganze riesige Amazonas-Flusssystem haben.

25 Jahre «Kontext»

Piercings, Attentate, Jazz und Denkmalschutz: Es gibt kaum ein Thema, das die «Kontext»-Redaktion von SRF 2 Kultur im Laufe der letzten 25 Jahre nicht kritisch beleuchtet hat. Zum Jubiläum werfen die Sendungsmacherinnen und -macher von Juni bis und mit August einen Blick zurück auf die denkwürdigsten Momente.

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