Hart, aber mit Flair: Das prekäre Kulturleben in Bamako

Die Hauptstadt Malis ist ein Hotspot für kulturelle Produktionen – trotz der Unsicherheit durch Terror und Gewalt. Seit den islamistischen Anschlägen fehlen Bamako die Touristen, dafür strömen die Einheimischen in Galerien, die kleinen Theater. Ein Augenschein vor Ort.

Christoph Keller betrachtet eine Strassenszene in Malis Hauptstadt Bamako.

Bildlegende: Chaotisch, inspirierend: Christoph Keller reiste 2004 für eine Reportage nach Mali, heute blickt er wieder auf das Land. SRF / Matthias Willi / Bildmontage / Getty Images

Wer die malische Hauptstadt entlang der «Route de Koulikoro» durchquert, erlebt eine Flut von Eindrücken, die wechselvoller nicht sein könnten. Die Ausläufer des Marktes zuerst, die vielen Stände, darunter auch die Auslagen der Féticheurs, der traditionellen Heiler, mit ihren Klauen, Zähnen, Wedeln, die alle gut sein sollen für die eine oder andere Krankheit.

Dann, linker Hand, das Quartier Medina Koura, mit den sauber gepflasterten Strassen, den kleinen Läden, mit ganzen Familien, die abends unter grossen Bäumen am Strassenrand sitzen. Etwas weiter vorne das ausnehmend schöne Restaurant Santoro, mit dem schönen Innenhof, den Kunstgegenständen aus allen Ecken des Landes.

Karren und Knarren

Der Verkehr rollt, hupend, chaotisch, manchmal fährt ein Zug mitten durch die Menschen, die unterwegs sind, mitten durch die Auslagen der fliegenden Händler. Viele Menschen, die hier unterwegs sind, Eselskarren, Handkarren.

Dann kommen die Restaurants der Libanesen, der Hotspot der Touristen und der Animierdamen, etwas zurückgesetzt die Pferderennbahn, auf der sonntags Rennen stattfinden. Und dann kommt die Strasse mit den Nachtklubs, den Bars.

Hier, in dieser Strasse, ereignete sich im März 2015 der erste Anschlag, er richtete sich gegen die Besucher der Bar «La Terrasse». Dann, im November, der Anschlag auf das Hotel «Radisson». Es gab viele Tote, und im März 2016 der Angriff auf ein Hotel im nahegelegenen Koulikoro.

Ein Land aus dem Lot

Seit dem Militärputsch von 2012, den islamistische Kämpfer im Norden des Landes nutzten, um zuerst Timbuktu, Gao und dann weitere Städte in ihren Besitz zu nehmen, ist Mali aus dem Lot.

Die schwer bewaffneten Banditen, die sich eine krause, dumpfe Auslegung des Islam auf die Fahne geschrieben haben, wurden durch französische Elitetruppen zwar besiegt und zurückgedrängt. Aber verschwunden sind sie nicht.

Es fehlen die Touristen

Im flachen Land zwischen Bamako, Ségou und Mopti und bis hinauf nach Bandiagara treiben die Banditen ihr Unwesen, schlachten UNO-Soldaten ab, Militärpatrouillen, nehmen ganze Dörfer als Geiseln. Manche Gegenden des Landes sollte man meiden.

Strassenszene in Malis Hauptstadt Bamoko.

Bildlegende: Manchmal fährt hier ein Zug durch: Strassenzene in Bamoko. Keystone

Die Folgen sind sichtbar, auch in der Hauptstadt. Es fehlen die Touristen, damit bleibt vielerorts das Geld aus. Hotels müssen schliessen, das Kunsthandwerk liegt am Boden.

Kulturveranstaltungen zum Trotz

Dennoch halten die Kulturveranstalter an ihren Programmen fest. Die Biennale de la Photographie Africaine, dieser Grossanlass, der jedes zweite Jahr das Beste des afrikanischen Fotografieschaffens zeigt, wurde letztes Jahr trotz der unsicheren Lage durchgeführt.

Die ganze Stadt wurde bespielt, mit Ausstellungen, Workshops, Aktionen. Und für einmal kehrte mit den vielen Galeristen aus Paris und anderswo ein klein wenig internationales Flair nach Bamako zurück.

Stattgefunden hat auch das Festival Akoustik in Bamako. In Ségou, fünf Autostunden von Bamako entfernt, soll im kommenden Februar das grosse Festival sur le Niger über die Bühne gehen.

Dem Terror trotzen

Auch die kleinen Theater in Bamako, die weiter machen, die Marionettenspieler in Dar Salam, die Galeristen in Niarela, die Färberinnen, die Kunsthandwerker, und all die Musikerinnen und Musiker, die Woche für Woche im Institut Français ihren grossen Auftritt haben – sie machen weiter.

Im Publikum und in der Laufkundschaft hat es weniger Touristen, dafür kommen die Einheimischen. Es fehlt an Käufern, die für eine Sphopping Tour ins Land kommen. Also wird exportiert – nach Paris, nach Brüssel.

Auftritt trotz Angst

Und dann gibt es die grossen Namen der Musik – Rokia Traoré, Vieux Farka Touré, der Sohn des legendären Ali Farka Touré, Mamadou Diabaté. Salif Keita hatte sein traditionelles Konzert am Jahresende 2015 abgesagt, weil er sich «nicht sicher fühlte», aber er trat dann doch auf – zum Valentinstag dieses Jahrs.

Die Kultur, die Kulturschaffenden als Bollwerk gegen den Terrorismus? Vielleicht.

25 Jahre «Kontext»

Piercings, Attentate, Jazz und Denkmalschutz: Es gibt kaum ein Thema, das die «Kontext»-Redaktion von SRF 2 Kultur im Laufe der letzten 25 Jahre nicht kritisch beleuchtet hat. Zum Jubiläum werfen die Sendungsmacherinnen und -macher von Juni bis und mit August einen Blick zurück auf die denkwürdigsten Momente.

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