30 Jahre Hitler-Tagebücher – Casper Selg erinnert sich

30 Jahre ist es her, seit das Magazin «Stern» mit der Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher weltweit für Aufruhr sorgte. Doch die Dokumente waren gefälscht, der Skandal perfekt. SRF-Korrespondent Casper Selg erinnert sich noch gut an die Ereignisse.

"Stern"-Chefredakteur Peter Koch, Sprecher Gunther Schoefeld und der britische Historiker Lord Drace praesentieren die vermeintlichen Hitler-Tagebücher.

Bildlegende: Sensation am 25. April 1983: Präsentation der vermeintlichen Hitler-Tagebuecher in Hamburg. Keystone

Mit der Ankündigung, im Besitz zahlreicher Tagebücher von Adolf Hitler zu sein, sorgte die Redaktion des deutschen «Stern» am 25. April 1983 für die Medien-Sensation. Kern der unglaublichen Geschichte: Die persönlichen Notizen Hitlers sollen gefunden worden sein, nachdem sie lange Zeit verschollen waren. Alles eine grosse Lüge – wie sich kurz später herausstellten sollte.

Jungspund gegen Routinier

Casper Selg – heute Deutschland-Korrespondent für SRF – war zu der Zeit Moderator der Hintergrundsendung «Echo der Zeit». Als die unglaublichen Neuigkeiten die Pressewelt erschütterten, führte er als junger Journalist ein Interview mit Henri Nannen, dem damaligen Herausgeber des «Stern». Der damalige Neuling Selg traf Nannen in Bern zum Gespräch. Er war sich sicher, dass die Sache mit den Tagebüchern nicht stimmen könne. Mit dieser Haltung befragte er denn auch Henri Nannen, bei dem die kritischen Fragen nicht nur gut ankamen.

Nannen war vollkommen überzeugt von der Echtheit seiner Trophäe, hielt einen Irrtum für ausgeschlossen. Er sei doch nicht blöd und gebe Millionen aus, wenn er nicht vollkommene Sicherheit hätte! In freundlichem Ton ging er anschliessend auf Selgs Nachfragen ein und führte seine Argumente für die Echtheit der Dokumente aus.

Hörerschelte

Das Interview erhielt grosse Resonanz, von den Hörern wurde Selg gar gerügt: «Ich erhielt Hörerbriefe, die mich tadelten, weil ich junger Anfänger einem so erfahrenen Mann in einer Respektlosigkeit vorbeigekommen sei, die nun wirklich einfach nicht angehe. Wo kämen wir da hin?»

Wo die ganze Sache hinführte, zeigte sich bereits zehn Tage später. Zahlreiche Experten prüften Material und Schrift der angeblichen Schriften Hitlers und kamen zum Schluss: Die Tagebücher waren gefälscht, der «Stern» war einem gross angelegten Betrug aufgesessen.

Selg lag richtig

Der gesamte Inhalt der Tagebücher war ein Phantasieprodukt des bisher unbekannten Malers (und Kunstfälschers) Konrad Kujau. Der Wunsch des «Sterns» nach der ganz grossen Story und dem grossen Geld endete in der grössten Blamage der deutschen Presse. Er kostete die Zeitschrift Millionen und den Verantwortlichen den Job.