40 Jahre Longo maï – die konkrete Utopie

Sie zogen aus, um auf dem Land Arbeit, Gemeinschaft und Politik neu zu erfinden, die Aktivisten von Longo maï. 40 Jahre nach der Gründung ihrer Kooperative halten sie mit der Ausstellung «Longo maï – die Utopie der Widerspenstigen» in Basel Rückschau.

Der Hof Grange Neuve in Südfrankreich.

Bildlegende: Da, wo alles begann: Grange Neuve, dahinter das Dorf Limans in der Provence. Longo Maï

Am Hauptsitz von Longo maï, an der Basler St. Johanns Vorstadt, findet sich ein grosser Tisch, der viel Platz bietet für viele Leute. Man kann sich hinsetzen, eine Flasche Wein ist immer in Reichweite, man kann mitdiskutieren, wenn man will - über die Rolle des Geldes, über Arbeitsbedingungen in der realen Wirtschaft, über das Schicksal von Migranten; aber auch über die Probleme der Schafzucht, der Transhumanz in modernen Zeiten, über Selbstversorgung.

In Basel wurde die Grundidee von Longo maï vor 40 Jahren geboren – die Idee, das Leben, die Arbeit, die Landwirtschaft neu zu erfinden. Und konkret wurde der Gedanke bereits Monate später, als in der Haute Provence, in der Nähe des Dörfchens Limans, ein heruntergekommener, aber riesiger Hof gekauft wurde, die Grange Neuve.

Städter auf dem Land

Hier gingen sie zu Werk, die Städter, die enttäuscht waren von der Revolution, die linken Spartakisten, die dissidenten Linken, die aus ganz Europa kamen. Sie deckten Dächer, bauten Mauern wieder auf, erweckten die alte Grange zu neuem Leben. Sie lernten allmählich, was bauern heisst, sie legten auch fest, was ihre Leitlinien sein sollte: die Selbstversorgung mit Gütern, kollektiver Besitz, Verzicht auf eigenes Geld und Einkommen sowie gemeinsame Entscheidungsfindung in allen wichtigen Dingen. Longo maï, das war für viele progressive Kreise so etwas wie die übriggebliebene Essenz der gescheiterten Revolution von 1968.

Neue Fenster für Grange Neuve werden geschneidert.

Bildlegende: Alles wird wenn möglich selbst gemacht – hier die neuen Fenster. Longo Maï

Lange profitierte Longo maï von den Spendengeldern, die Altrevolutionäre bei ihrem Gang durch die Institutionen aus Solidarität in den Topf warfen; und es flossen so viele Spenden, dass die Kooperative einen der allerersten Computer kaufen musste, zimmergross, um die Dateien zu verarbeiten. Longo maï, damals in den siebziger Jahren, war so etwas wie ein Erfolgsmodell, das auch einen Friedrich Dürrenmatt begeisterte; viele pilgerten nach Limans in der Haute Provence, beseelt vom Gedanken, in der weiten Natur, eine andere, eine neue Gesellschaft zu bauen. Longo maï wuchs, es gab Ableger in Kärnten, in Costa Rica, später im Jura, in Mecklenburg.

Autoritäre Tendenzen – abgelegt

Die Kehrseite kam gegen Ende der siebziger Jahre ans Licht, als sich Meldungen von Ausgrenzungen, von inquisitorischen Aufnahmeritualen, von selbstherrlichen, in Saus und Braus lebenden Gurus häuften. Einzelne, darunter der charismatische Rémi, nahmen sich Privilegien heraus, die nicht mit den Grundideen von Longo maï vertretbar waren. Eine Pressekampagne in ganz Europa war die Folge, die Spenden brachen ein, eine Zeit grosser Entbehrungen brach an; manche mussten hungern.

Doch Longo maï rappelte sich auf, öffnete sich, vollzog mit neuen Figuren an der Spitze eine Wende. Die Kooperative errichtete in der Provence eine Radiostation, man entdeckte bei Longo maï bald auch die neuen Technologien, setzte auf Informatik, aufs Internet. Man begründete das Europäische Bürgerforum mit, eine Plattform, die sich für die Rechte von Minderheiten einsetzt, europaweit, vor allem für Sanspapiers, für rechtlose Landarbeiter unter den Plastikplanen von Almeria, von Süditalien und anderswo.

Eine verlockende Alternative

Rund 200 Menschen leben und arbeiten heute bei Longo maï, beziehen keinen Lohn für ihre Arbeit, kriegen einzig ein Taschengeld. Sie arbeiten hart, wohnen unter kargen Bedingungen, viele teilen das Zimmer mit anderen. Dennoch gibt es zahlreiche Jugendliche, die sich der Kooperative gerne anschliessen möchten. Für ein paar Wochen, für ein paar Jahre, für immer auch.


Das kollektive Leben bei Longo maï

4:45 min, aus Kultur kompakt vom 18.10.2013

Nicht nur, weil Longo maï nach wie vor der würzige Geruch von Schafswolle, von sonnenbeschienener, staubiger Erde, von wildem Thymian anhaftet. Sondern auch, weil diese Kooperative nach wie vor eine verlockende Alternative ist zur schnell getakteten, hektischen Wirtschaft.