Abschied vom Ramadan – wie von einem guten Freund

Der Fastenmonat Ramadan stellt den Tagesablauf auf den Kopf. Getrunken und gegessen wird nur in der Nacht. Das soll keine Qual sein, sondern eine Zeit der Besinnung: auf den Glauben und die Selbstdisziplin. Trotzdem ist das Ende des Ramadans ein Freudenfest.

Eine Frau mit Kopftuch führt ein kleines Stück Brot zum Mund.

Bildlegende: Ein erstes Stück Brot bei Tageslicht: nach Wochen des Fastens ein Gefühl der Erleichterung, aber auch der Melancholie. Reuters

Einfach mal ein Glas Wasser trinken oder einen Apfel essen, das liegt am Tag nicht drin. Muslime nehmen während des Monats Ramadan Getränke und Nahrung nur vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang zu sich.

Die Ramadan-Regeln werden schnell zur Gewohnheit. So ertappt sich Amira Hafner Al Jabaji nach dem Ramadan manchmal, wie sie etwas essen will, aber reflexartig zögert. Denn während der Fastenzeit hat die Islamwissenschaftlerin und Muslimin streng kontrollieren müssen, wann sie isst.

Essen, viel essen

Eine Qual sei das aber nicht, versichert Amira Hafner-Al Jabaji. Vielmehr hole der ungewohnte Tagesablauf einen aus dem Alltag heraus. «Es ist eine Zeit, in der man den Rhythmus sehr bewusst ändert. Das schafft wieder neues Bewusstsein für die normale Zeit», erzählt Amira Hafner-Al Jabaji. Als Übergang zwischen der Fastenzeit und der normalen Zeit feiern Musliminnen und Muslime dann ein Fest, ein Freudenfest.

Das Ende des Ramadans ist – nach dem Opferfest – das zweitwichtigste Fest im islamischen Kalender. Am Morgen besuchen die Gläubigen nach Möglichkeit das Festgebet. Dann wird ausgiebig gegessen, mit der Familie mit Freunden. Man besucht sich gegenseitig und isst noch mehr.

Körperlich anstrengend, aber erfüllend

Die Atmosphäre während des Ramadans ist speziell, die Familien essen am Abend zusammen, man verbringt viel Zeit gemeinsam. Dieses Gemeinschaftsgefühl klinge danach im Alltag nach, so Amira Hafner-Al Jabaji. Denn mit dem Fest am Ende des Ramadans sei nicht alles zu Ende: «Theologisch gesprochen bleibt das gute Gefühl, dass man eine Pflicht gegenüber Gott erfüllt hat. Und es bleibt sicher auch das körperliche Bewusstsein, dass der eigene Körper an seine Grenzen gehen kann und dass man im Stande ist vieles auszuhalten.»

Gerade dieser Ramadan sei für den Körper eine Herausforderung gewesen, sagt Amira Hafner Al-Jabaji. Weil sich der Ramadan am Mondkalender orientiert, verschiebt sich der Fastenmonat jedes Jahr um einige Tage. Dieses Jahr fiel er in den Sommer, die Fastentage dauerten von ca. 3:30 Uhr bis 21:30 Uhr; eine lange Zeit, in der Musliminnen und Muslime weder tranken noch assen. Eine gewisse Erleichterung ist also da, wenn nun wieder der Alltag einkehrt.

Melancholische Abschiedsgefühle

Manchmal stellt sich aber am Ende des Ramadans auch eine gewisse Melancholie ein. Amira Hafner-Al Jabaji: «Man hat tatsächlich eine Art Abschiedsgefühl, wie wenn ich einen guten Freund verabschiede. Ich weiss nicht, werden wir uns wiedersehen. Wir hoffen, dass wir uns wiedersehen. Und man dankt für die gemeinsame Zeit.» Das Fest bietet da eine Möglichkeit, den Ramadan voller Freude abzuschliessen.