Abtreibung in Lateinamerika: Eine Mücke sticht in ein Tabu

In Südamerika grassiert das Zika-Virus. Es steht im Verdacht, für Hirnschäden bei Neugeborenen verantwortlich zu sein. Das hat ein Thema in den Fokus gerückt, das im Grossteil Lateinamerikas ein Tabu darstellt: den Schwangerschaftsabbruch.

Ein Baby auf einem Bett liegend, nach oben schauend.

Bildlegende: Ein Kind, das mit Mikrozephalie geboren wurde. Bislang sind in Brasilien erst 17 Fälle durch das Zika-Virus bekannt. Reuters

Eigentlich war es die schönste Nachricht ihres Lebens: Sie ist schwanger. Julia Brittes lächelt beim Gedanken an den Moment vor fünf Monaten, als sie es erfuhr. Doch dann legen sich Sorgenfalten auf ihre Stirn. «Ich gehe fast nicht mehr aus dem Haus», sagt die 23-Jährige Brasilianerin. Dreimal am Tag Mückenspray, alle Fenster geschlossen, so lebt sie derzeit.

Schwangerschaft mit ungutem Bauchgefühl

Schuld ist der Moskito Aedes Aegypti, die das Zika-Virus überträgt. Es gibt bisher zwar keinen endgültigen Beweis, dass Zika Schädelfehlbildungen bei Babys auslösen kann, wenn die Schwangeren sich zuvor infiziert haben. Seit Einführung der Meldepflicht im Oktober 2015 wurden in Brasilien erst 17 Fälle von Mikrozephalie bestätigt, die definitiv im Zusammenhang mit einer Zika-Infektion stehen.

Doch Julia und ihr Mann Moises wollen kein Risiko eingehen. Würden sie im Falle einer Mikrozephalie-Diagnose einen Schwangerschaftsabbruch in Erwägung ziehen? Die beiden blicken sich an, diese Frage ist ihnen schon durch den Kopf gegangen: «Das ist ein ganz schwieriges Thema», sagt das junge Paar.

Zika heizt Abtreibungsdebatte an

Umso mehr, als Abtreibungen in Brasilien unter Strafe stehen, wie in fast allen Ländern Lateinamerikas. In Brasilien berichten Ärzte in diesen Tagen jedoch von einer Zunahme illegaler Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen, die sich mit Zika infiziert haben – anonym natürlich, denn aufgrund der Illegalität gibt es keine offiziellen Zahlen.

Der Hohe UN-Kommissar für Menschenrechte, Zeid Raad Al Hussein, mahnt die Regierungen in Lateinamerika bereits, Abtreibungen in Zusammenhang mit Zika-Infektionen zu erleichtern. Dagegen meldete sich die brasilianische Bischofskonferenz zu Wort und warnte von Eugenetik: Es könne nicht sein, dass nur noch dem «perfekten Menschen» das Recht auf Leben eingeräumt würde. Zika heizt Debatten an, die in der katholisch geprägten Region als Tabu gelten.

Ihr Körper gehört nicht ihr

Nur in drei von 21 Ländern Lateinamerikas, nämlich Uruguay, Kuba und Puerto Rico, sind Abtreibungen wie in der Schweiz innerhalb der ersten 3 Monate straffrei. In den meisten Ländern, wie auch in Brasilien, sind Schwangerschaftsabbrüche nur bei Vergewaltigung oder bei Lebensgefahr für die Mutter erlaubt.

Trotzdem werden pro Jahr schätzungsweise 600‘000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen – heimlich, in der Illegalität. Einerseits in Privatpraxen für Wucherpreise bis zu umgerechnet 3000 Franken. Andererseits geraten besonders die armen Frauen in ihrer Verzweiflung oft an Scharlatane oder legen selbst Hand an. Hunderttausende tragen Infektionen davon, Hunderte sterben jährlich daran.

Gegenwind von Kirche und Konservativen

Pro-Abtreibungsgruppen fordern nun eine Legalisierung bei Mikrozephalie. Das Verbot treffe wie eh und je besonders die armen Frauen. Frauen, die im Falle der Geburt eines behinderten Kindes zudem auf sich alleine gestellt sind, oft von ihren Männern verlassen werden und kaum staatliche Unterstützung bekämen.

Abtreibungsgegner, darunter vor allem die katholische Kirche und der einflussreiche konservative Block im Parlament, halten dagegen: Eine mögliche Mikrozephalie sei erst im späten Schwangerschaftsstadium nachweisbar, schätzungsweise ab dem 28. Woche. Da sei der Fötus bereits ausgewachsen. Eine Lockerung des Verbots rege zu Missbrauch an und sei eine Respektlosigkeit gegenüber Behinderten.

Scheinheilige Doppelmoral

Es ist eine Diskussion, die Lateinamerika seit eh und je spaltet. Und in der konservative Gruppen sowie eine von Machismo geprägte Werteordnung bisher die Oberhand behielten. Das Argument, Leben schützen zu wollen, wirkt dabei oft scheinheilig – vor allem vor dem Hintergrund, dass sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen die dunkle Seite des gepredigten Traditionalismus darstellen.

Julia Brittes streicht sich über den Bauch: Sie werde ihr erstes Kind so akzeptieren, wie es ist, sagt die 23-Jährige aus Rio de Janeiro. Und fügt an: Doch diese Entscheidung solle jede Frau für sich selbst treffen dürfen.

Anne Herrberg ist ARD-Korrespondentin für Südamerika.