Ach, du liebe Zeit!

Wenn die Zeit sich wendet, das neue Jahr mit einer unbefleckten Agenda beginnt, kann es nicht schaden, über Zeit nachzudenken. Denn, das hat doch das letzte Jahr gezeigt: Nichts vergeht so schnell wie die Zeit. Nehmen wir uns die Zeit, dafür ein paar gute Vorsätze zu fassen.

Eine Taschenuhr schwingt als Pendel

Bildlegende: Die Zeit - die grosse Mangelware unserer heutigen Gesellschaft. Getty Images

«Zeit» ist laut einem deutschen Sprachforscher das am häufigsten gebrauchte Substantiv. Man glaubt, sie zu haben oder eben nicht. Man kann sie sich vertreiben oder gar totschlagen. Vertrödeln oder nutzen. Manche sparen sie, andere wiederum verschwenden sie. Und am wichtigsten scheinen diejenigen in unserer Welt zu sein, die im Wettlauf mit ihr stehen. Tag und Nacht. Rund um die Uhr.

Was ist denn nur los mit uns Menschen im Hamsterrad? Warum sind vielen von uns Musse, Bedächtigkeit und Pausen etwas verdächtig? Was sagt uns die neue Studie des Gottlieb Duttweiler Institutes zum Thema Schlaf, die ergibt, dass die Nachtruhe vom Grundbedürfnis zum Lifestyle «avanciert» ist? Wir schlafen immer weniger.

Wart mal schnell!

Aber: «Wir bewegen uns hin zu einer schlafbewussten Gesellschaft. Das Optimieren unseres Schlafes wird selbstverständlich.» Powernap als Leistungsoptimierung. Ausgeschlafenheit als Luxussehnsucht. Der gezielte Schlaf im teuren Bett als Erfolgsfaktor.

Die «Always-on-Gesellschaft» hält viel von der Schlafoptimierung, weil der richtige Schlaf zur richtigen Zeit fit macht für die Zeit danach. Der wichtige Kernsatz der Always-on-Gesellschaft heisst. «Wart mal schnell!» Den sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Warten - ja, aber schnell?

Zu wenig Zeit? Zu viel zu tun!

Genau genommen haben wir ja deutlich mehr Zeit als unsere Vorfahren. Nie haben Menschen so lange gelebt wie heute. Und doch ist die Klage über Zeitmangel unüberhörbar. Wir haben mehr Freizeit als unsere Urgrosseltern. Aber wo bitte ist denn die wirklich freie Zeit?

Der deutsche Zeitforscher Karlheinz Geissler sagte im Interview auf Radio SRF 2 Kultur: «Wir haben nicht zu wenig Zeit. Aber wir haben viel zu viel zu tun. Wir packen immer mehr in die Zeit und sind getrieben von der grossen Angst, irgendetwas zu versäumen.»

Dabei haben wir doch Assistenten wie Handy, Computer, Mikrowellenherde und rasante Fortbewegungsmittel zur Hand. Trotzdem, - oder vielleicht gerade auch deswegen: die Zeit scheint immer knapper zu werden.

Die Nacht wurde zum Tag

Ist das ein Grund, nostalgisch zu werden? «Nichts ist so sehr für die gute alte Zeit verantwortlich, wie das schlechte Gedächtnis!» sagte vor ungefähr 100 Jahren der französische Literaturnobelpreisträger Anatol France. Und das schlechte Gedächtnis ist möglicherweise zuständig, wenn wir vergessen, dass der gute alte Thomas Edison an der Geburtsstunde der Nonstopp-Gesellschaft massgeblich beteiligt war.

Edison gilt als Erfinder der Glühbirne. Vor diesem Meilenstein in der Geschichte der Erfindungen im Jahre 1876 rechnete kaum jemand die Nacht zum Tag. Die Nacht war eine Art «Nichtzeit» in der Finsternis oder im Kerzenschein. Der Tag hingegen war göttlich, weil er das Licht in die Finsternis brachte.

Mit Edisons Erfindung aber wurde die Nacht erleuchtet. Eine natürliche Grenze im menschlichen Wach- Schlafrhythmus wurde durchstossen. Es war der Durchbruch: Wer die Nacht zum Tag machen kann, kann, bei Lichte besehen, auch rund um die Uhr arbeiten.

Das Geld, die Zeit und das Glück

«Wir sind eine unausgeschlafene Risikogesellschaft», sagt der deutsche Soziologe Ulrich Beck. Tatsächlich, auch die neue GDI Studie zeigt es: Schlaf gilt in der rastlosen Moderne grundsätzlich als Zeitfresser und muss deswegen möglichst kurz gehalten, aber umso effizienter gestaltet werden. Und das nicht erst seit ein paar Jährchen. Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, mahnte schon: «Time is Money!»

Danke also, dass Sie Geld investiert haben, diesen Artikel zu lesen. Vielleicht zahlt es sich für Sie aus? Wenn Sie im neuen Jahr ein bisschen mehr über Ihre Zeit nachdenken - und darüber, was Sie alles damit anstellen wollen. Denn: Wie viel das Glück mit der Zeit zu tun hat, wissen die Franzosen. «Heureux» ist, wer stundenlang Zeit hat.

Köpfe der Zeit

In den Sendungen Reflexe und Kontext haben sich Menschen Gedanken zur Zeit gemacht, die viel mit Zeit zu tun haben. Sie zerbrechen sich tagein tagaus den Kopf über die Zeit. Und das auf ganz verschiedene Weise