Adoptierte Kinder sind Vertriebene

«Warum glücklich statt einfach nur normal?» ist die autobiografische Geschichte von Jeanette Winterson. Sie beschreibt darin, wie sie als Adoptivkind im Schatten einer frömmlerischen Mutter aufwächst. Und wie sie sich spät auf die Suche macht nach ihrer leiblichen Mutter - und diese auch findet.

Portrait Jeannette Winterson

Bildlegende: Für ihre Adoptiveltern das falsche Kind: Jeannette Winterson Reuters

«Wenn meine Mutter böse auf mich war, was häufig vorkam, sagte sie: Der Teufel hat uns ans falsche Bettchen geführt.» Mit diesem allerersten Satz im Buch wird klar: Jeannette entspricht in keiner Weise den Idealvorstellungen ihrer pfingstlerischen Adoptiveltern. Diese leben in der englischen Provinz, gehören zur Arbeiterklasse und finden Trost in der Bibel. Die Mutter misstraut allem, was Freude bereitet, versteigt sich in Weltuntergangs-Phantasien und hofft auf einen Fensterplatz im Himmel. «Verlust und Verlieren war uns beiden gleichermassen ein Begriff», schreibt Jeanette Winterson im Rückblick.

« Ich hatte den warmen, sicheren Ort, so chaotisch er gewesen sein mag, den ersten Menschen, den ich liebte, verloren. Ich hatte Namen und Identität verloren. Adoptierte Kinder sind Vertriebene . Für meine Mutter war das ganze Leben eine einzige grosse Vertreibung. Beide wollten wir nach Hause. »

Literatur als Zufluchtsort

Heimat bietet Jeanette schon bald die Literatur: Nachts holt sie heimlich die versteckten Bücher unter der Matratze hervor und merkt, wie sich beim Lesen der Horizont auftut: «Ein Buch ist ein fliegender Teppich, der einen davonträgt. Ein Buch ist eine Tür. Man öffnet sie. Man tritt hindurch. Aber kommt man je zurück?»

Kind allein auf der Landstrasse mit Gepäck

Bildlegende: Wenn Heimat nie da ist, wo man ist. colourbox

Tapfer und rebellisch geht die kleine Jeannette ihren eigenen Weg und lässt sich auch durch Strafaktionen und Moralpredigten nicht kleinkriegen. Ihr widerspenstige Geist prägt das poetische Buch: Die Autorin beschönigt nichts, rechnet aber auch nicht ab. Und genau diese gelassene Haltung – gepaart mit einem unbestechlichen  Blick und sprachlicher Brillanz – machen die Lektüre zum Erlebnis.

Verliebt in das Leben

Schon in jungen Jahren muss Jeannette Winterson intuitiv das Drama ihrer Adoptivmutter gespürt haben; heute, aus Distanz, bringt sie sogar ein gewisses Verständnis auf: «Sie liebte mich an den Tagen, an denen sie lieben konnte. Ich glaube wirklich, mehr ging bei ihr nicht.»

Und an einer anderen Stelle kommt sie zum Schluss: «Der Kampf zwischen uns war in Wirklichkeit ein Kampf zwischen Glücklichsein und Unglücklichsein. Ich war sehr oft voller Wut und Verzweiflung. Ich war immer einsam. Trotz alledem bin ich und war ich verliebt in das Leben.»

Und diese Liebe zum Leben rettet Jeanette Winterson schliesslich auch in den Erwachsenen-Alltag: Mit 16 brennt sie mit ihrer Schulfreundin durch. Später wird sie eine erfolgreiche Schrifstellerin und macht sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter. Auch davon handelt «Warum glücklich statt einfach nur normal?» Aber vor allem zeigt dieses Buch, dass auch auf kargem Boden ein reiches und lustvolles Leben wachsen kann.

Buchhinweis

Jeanette Winterson: «Warum glücklich statt einfach nur normal?» Hanser-Verlag, 2013.