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Geliebt und gehasst – Männer mit Macht
Aus Kontext vom 08.09.2020.
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Affäre Locher Warum wir Machtmenschen fürchten, aber trotzdem brauchen

Die evangelisch-reformierte Kirche Schweiz hat gerade erlebt, was passieren kann, wenn Machtmenschen aus dem Ruder laufen. Was lernen wir daraus?

Machtmenschen können mitreissen und motivieren. Sie können aber auch Grenzen verletzen und ganze Organisationen mit in den Abgrund reissen. So geschehen diesen Frühling in der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Der Fall Locher zeigt exemplarisch, was Machtmenschen erreichen, aber auch anrichten können.

Kirchenratspräsident Gottfried Locher galt für viele als Hoffnungsträger. Er hatte Visionen, wollte die Kirche, die gesellschaftlich an Relevanz verliert, stärken, ihr eine Stimme geben. Und das schaffte er auch.

Die Affäre Locher

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Erste Anzeichen, dass etwas faul ist in der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS, gab es Ende April. Knall auf Fall trat Kirchenrätin Sabine Brändlin zurück – ihre eigene Begründung und jene des Kirchenrates liessen viele Fragen offen. Diverse Landeskirchen wollten wissen, was passiert ist. Es folgte ein offener Brief von zwölf Theologinnen und Theologen, die erstmals von «Grenzverletzungen» sprachen und Zeitungsberichte über eine Beschwerde gegen Präsident Gottfried Locher. Am 27. Mai gab Gottfried Locher seinen Rücktritt bekannt. An der Synode im Juni wurde es dann öffentlich: Gottfried Locher hatte sowohl mit der Beschwerdeführerin ein Verhältnis, wie auch mit Kirchenratskollegin Sabine Brändlin, die die Beschwerde bearbeiten sollte. Die EKS beauftragte ein Anwaltsbüro mit der Aufarbeitung der Affäre.

«Charismatische Führungspersönlichkeiten können Hoffnung vermitteln und Ehrgeiz anstacheln», sagt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt. Gerade in Umbruchszeiten schafften sie es, Angst abzubauen. Davon profitieren Organisationen, für die sie arbeiten.

Machtmenschen sind wertvoll

«Wir brauchen solche Menschen, gerade in heutigen Krisenzeiten, mehr denn je», sagt auch die Philosophin Rebekka Reinhard, Autorin des Buches «Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)». Sie plädiert dafür, Begriffe wie Macht und Narzissmus von ihrem negativen Beigeschmack zu befreien.

Allerdings kann Macht missbraucht werden. Ein sicheres Zeichen dafür sei, wenn die Macht zur eigenen «Selbstbeweihräucherung» benutzt werde, wenn Egoismus und Eitelkeit überhandnehmen, erklärt Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth, der ein Buch über Narzissmus und Macht geschrieben hat.

«Es geht dann um Macht ‹über› andere, statt um Macht, um zu gestalten», ergänzt Rebekka Reinhard.

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Realitätsverlust und Grenzverletzungen

Mit der wachsenden Selbstüberschätzung geht meist auch ein Realitätsverlust einher – und es kommt zu Grenzverletzungen. Das passierte auch im Fall Locher.

Anzeichen gab es bereits seit Längerem. Früh eckte der Präsident der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz EKS an. Wünschte sich mehr Macht, wollte eine Art reformierter Bischof sein und provozierte mit problematischen Äusserungen zu Sexualität und Prostitution. Bereits vor einigen Jahren gab es Berichte von übergriffigen Bemerkungen gegenüber Frauen und Gerüchte über Affären.

Doch all dies konnte Machtmensch Gottfried Locher nichts anhaben. Sein Beziehungsnetz hielt – bis diesen Frühling. Zu Fall brachte Gottfried Locher die Beschwerde einer ehemaligen Mitarbeiterin. Sie warf ihm Grenzverletzungen vor.

Später zeigte sich: Die Frau hatte vor zehn Jahren eine Affäre mit dem verheirateten Kirchenratspräsidenten. Doch das war nicht alles. Diejenige Ratskollegin, die die Beschwerde bearbeiten sollte, war ebenfalls eine Ex-Geliebte von Gottfried Locher. Die EKS als Organisation war mit der Situation masslos überfordert, der Schaden fürs Renommee enorm.

Alte Rollenbilder

Ein typischer Fall, sagt Psychoanalytiker Wirth: Der Fokus auf eine Person. Die Überforderung. Und die Grenzverletzungen gegenüber Frauen – sie kommen immer wieder vor, wenn Machtmenschen aus dem Ruder laufen. Berühmtestes Beispiel ist wohl US-Präsident Bill Clinton und die Lewinsky-Affäre.

«Die mächtigen Männer sind in solchen Situationen überzeugt, sie hätten das Recht, über die Frauen zu verfügen», erklärt Hans-Jürgen Wirth. Auch Donald Trumps «grab them by their pussies»-Aussage lässt sich so erklären.

Philosophin Rebekka Reinhard ist zudem überzeugt, die althergebrachten Rollenbilder vom mächtigen Mann und der dienenden Frau seien trotz Emanzipation und 68er-Bewegung noch in den Köpfen verankert.

Diese alten Rollenbilder seien auch der Grund, weshalb es meist Männer sind, die ihre Macht missbrauchen, Grenzen verletzen und dabei negativ auffallen. Neben Gottfried Locher gab es in der Schweiz jüngst weitere Beispiele, wie Bundesanwalt Michael Lauber oder Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz.

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Wie umgehen mit Machtmenschen?

Was also tun, um die Entgleisung von Machtmenschen zu verhindern? Flache Hierarchien und Co-Leitungen seien ein Anfang, sagt Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth.

Allerdings nur, wenn diese richtig gelebt würden, betont Rebekka Reinhard. «Wir übergiessen alles mit einer Harmoniesuppe, duzen uns bis zum Chef und die alten Hierarchien leben im Hintergrund weiter», beobachtet die Philosophin. Wirklich souveräne Chefs erkenne man daran, dass sie sich mit kritischen Menschen umgeben.

Zudem sollte in der Aus- und Weiterbildung die Selbstreflexion gestärkt werden, ergänzt Hans-Jürgen Wirth. So könnten Machtmenschen Unternehmen, Vereine und Parteien voranbringen, ohne dass ihnen ihre Macht zu Kopf steigt.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 7.9.2020, 09:03 Uhr

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