Amsterdam: Unter dem Vondelpark dröhnt es laut

Die Brücke im Amsterdamer Vondelpark kennt fast jeder. Weniger bekannt ist, dass sich darin ein Atombunker verbirgt. In diesem Relikt aus dem Kalten Krieg wird Musik gespielt, debattiert und philosophiert.

  • Im Brückenpfeiler der Vondelparkbrücke können Musiker ihr Lautsprecher aufs Maximum aufdrehen.
  • In der «Kontra-Bar» wird über den rauen Wind der Marktwirtschaft debattiert und über Hausbesetzung informiert.
  • Als Treffpunkt der alternativen Szene besteht der Atombunker schon länger. In den 1960er-Jahren spielten hier Pink Floyd.

«Möchtest du ein Bier?» Die drei Mitglieder der Punkband «Leave Home» treffen sich wie jeden Donnerstagabend im Vondelbunker. Das atomsichere Übungslokal im Brückenpfeiler sei ein Geschenk des Himmels, schwärmen die Endvierziger, die im täglichen Leben in einem Grafikbüro oder in einer Anwaltskanzlei arbeiten.

Nun könnten sie Schlagzeug und Verstärker einfach stehen lassen und brauchten sie nicht mehr von einem ad-hoc-Übungsraum zum nächsten zu schleppen. «Und wir haben sogar einen eigenen Kühlschrank», freut sich Gitarrist Vincent.

So laut, wie sie wollen

Der Atombunker in der Vondelparkbrücke hat noch einen anderen, nicht zu unterschätzenden Vorteil: Ist die wuchtige Stahltüre geschlossen, können die Freizeitmusiker das Volumen so laut aufdrehen, wie sie wollen – Klagen aus der Nachbarschaft gibt es keine. Die dicken Mauern tragen den Sound nicht nach draussen. Zudem stehen in direkter Nähe keine Häuser.

Während die Männer die Vorteile ihres Übungslokals preisen, rattert immer wieder ein Tram über die Brücke. Dieser Lärm ist so laut, dass jede Konversation automatisch erstickt: «Manchmal hören wir nicht mal das Anzählen», grinst Schlagzeuger Jens.

Gegen den Wind

So freundlich der Empfang im Übungsbunker, so grimmig reagieren die Betreiber der autonomen «Kontra-Bar» in einem weiteren, etwas tiefer gelegenen Atomkeller auf den ungebetenen Besuch mit Mikrofon.

«Ich bin jetzt beschäftigt», knurrt ein Mann mit blondem Kraushaar unwirsch. Gleich komme die Band, er müsse noch viel vorbereiten. Vielleicht habe er in zwei, drei Wochen mal Zeit und Lust, Fragen zu beantworten. Vielleicht aber auch nicht. Sagt er und wendet sich wieder der Gurke zu, die er hinter dem Tresen in kleine Stücke schneidet.

Auf der Website steht, die Betreiber wollten mit der «Kontra-Bar» den rauen Wind in der heutigen gewinnorientierten Marktwirtschaft anprangern. Das nicht subventionierte Lokal biete deshalb beginnenden Artisten genauso ein Podium wie obdachlosen Abenteurern.

Im Bunker zur Sprechstunde

An der Bar steht eine Handvoll schwarz gekleideter, junger Leute. Die meisten nippen an einem Bier, das es hier drin gratis gibt. Spenden seien aber willkommen, steht auf einem Schild. Am Boden schlafen mehrere Hunde.

In einer anderen Ecke des düsteren, nach Moder und überquellenden Aschenbechern riechenden Raumes sitzen ein paar Gestalten auf einem abgedankten Sofa und unterhalten sich auf Englisch. Sie sind zur Sprechstunde für Hausbesetzer gekommen.

Max, ein Endzwanziger mit schulterlangen Haaren, erklärt wie eine Hausbesetzung funktioniert. «Aber wir geben nur Informationen, wir helfen ihnen nicht dabei», betont er, wohl wissend, dass «kraken», das Besetzen eines Hauses, in den Niederlanden seit sechs Jahren verboten ist.

Pink Floyd zu Besuch

Der Vondelbunker kannte in den letzten Jahrzehnten die unterschiedlichsten Betreiber. Mal befand sich hier drin eine Rock’n‘Roll-Schule, mal eine Veloreparaturwerkstätte. Legendär war der Beatkeller in den 1960er-Jahren, der «Lijn 3» hiess, nach der Tramlinie die über die Brücke fährt. Selbst die kurz vor dem Durchbruch stehende Band Pink Floyd spielte dort drin.

Musiker treten noch immer auf. Neun Uhr stand auf dem heutigen Plakat. Eine halbe Stunde später hält ein weisser Lieferwagen auf der Brücke. Ein paar Roadies steigen aus und helfen den Musikern, ihre Ausrüstung in den Vondelbunker zu tragen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 4.8.2016, 17:22 Uhr.

Serie «Underground»

Ein Streifzug durch alternative Kulturschauplätze: