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Arbeitslos mit Ü50 Über 50 ohne Arbeit – unten durch in der Gesellschaft?

Wie geht es den über Fünfzigjährigen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt? Zwei Erfahrungsberichte von Betroffenen.

Eine Hand wirft das RAV-Anmeldeformular in eine Box.
Legende: Zu alt für den Arbeitsmarkt? Für viele über 50-Jährige bleibt nur der Gang aufs RAV. Keystone/GAETAN BALLY

Eva Vievers: «Es war ein Schock»

Mit 61 Jahren verlor Eva Vievers zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Stelle. Ihr Chef – ein Arzt, mit dem sie 12 Jahre lang aufs Engste zusammengearbeitet hatte, wollte sie nicht mehr.

War der Kündigungsgrund ihre Arbeitsleistung – oder Eva Vievers selber? Sie hat es nie erfahren. Plötzlich musste Vievers aufs Arbeitsamt. «Das war grauenhaft» meint die quirlige Frau. «Aber zum Glück gibt es die regionale Arbeitsvermittlung. Die Leute dort haben mir sehr geholfen. Ich dachte mit 61 Jahren kriege nie mehr einen Job.»

Ich gehörte zum alten Eisen.

Am Anfang spürte sie vor allem Wut, Unverständnis und das Gefühl grosser Erniedrigung. Dann erhielt sie vom RAV das Aufgebot für ein Integrationsprogramm für ältere Arbeitslose. «Ich hatte Glück» – kommentiert sie – «ich hatte eine traditionelle Ausbildung als Arztgehilfin, ich gehörte zum alten Eisen.»

Angeknackstes Selbstvertrauen stärken

Doch der Integrationskurs von Kiebitz für über 50-Jährige half Vievers wieder auf die Beine: «Der war super!» sagt sie und legt ihre Unterlagen auf den Tisch.

Neun dichte Kurstage verteilt über Wochen – dazu Einzelcoaching. Neue Computertechniken inklusive Social Media, dazu persönliche Auseinandersetzungen mit der eigenen Berufskarriere und dem angeknacksten Selbstvertrauen: «Das Schwierigste war, mich vor der Gruppe zu präsentieren, meine Stärken, meine Kompetenzen zu beschreiben. Ich musste mich selber <preiskrönen> – da bekam ich schon rote Wangen», und wieder lacht die zierliche Frau mit den strahlenden Augen.

Das Schwierigste war meine Stärken, meine Kompetenzen zu beschreiben.

Das RAV verlangt vom Kiebitzteam eine Erfolgsquote von 42 Prozent. «Das erfüllen wir», meint Yves Schätzle, Mitglied der Geschäftsleitung von Kiebitz.

«In medizinischen, sozialen, technischen und handwerklichen Berufen gelingt die Reintegration von älteren Arbeitslosen recht gut – schwierig wird es im Bereich IT oder in Berufen, die verschwunden sind, beispielsweise Setzer oder Bibliothekarinnen.»

Einige waren seit zwei Jahren ohne Arbeit. Sie waren ziemlich zermürbt

Nebst dem Markt spiele auch die Persönlichkeit eine Rolle. Glaubt jemand noch an eine Zukunft – oder hat er oder sie sich aufgegeben? Eva Vievers hat das auch erlebt in ihrer Gruppe: «Einige waren schon zwei Jahre ohne Arbeit. Wir haben versucht, ihnen Mut zu machen. Aber sie waren ziemlich zermürbt». Auch sie hatte über hundert Bewerbungen geschrieben. «Aber ich konnte mich dreimal persönlich vorstellen – da konnte ich punkten.»

So hat Vievers auch ihre jetzige Stelle als medizinische Assistentin in einem Spital in Liestal gekriegt – fest und in Vollzeit. Das Team sei jung – die Jüngste ist 22 Jahre alt – die älteste 43. «Und dann komme ich, inzwischen 63 Jahre alt. Ein enormer Abstand. Aber es läuft gut!»

Der Stellenmarkt ist besonders für ältere Arbeitssuchende ein hartes Pflaster.
Legende: Der Stellenmarkt ist besonders für ältere Arbeitssuchende ein hartes Pflaster. Keystone

Herr B: «Gopfridstutz, bin ich denn gar nichts mehr wert?»

Der 62-jährige Herr B. arbeitete 30 Jahre in der IT-Abteilung einer Grossbank. Im Herbst 2015, ein halbes Jahr vor seinem 60. Geburtstag, schob ihn sein Chef in ein Sitzungszimmer. Dort sass ein zweiter Mann. Der Vorgesetzte sagte: «Ich mache es kurz, wir haben dir heute die Kündigung mitgebracht. Das ist ein Vertreter des Personalbüros. Er erklärt dir die Details.»

Die Details: während eines Jahres den vollen Lohn, eine Abfindung, Frühpensionierung und finanzielle Überbrückung bis 65. Nach einer Woche Bedenkzeit unterschrieb Herr B., damit das Angebot nicht verfiel.

Altersdiskriminierung?

Weil er weiterarbeiten will, schreibt Herr B. seitdem Bewerbungen. Ohne Erfolg. Er sagt: «Die Absagen wurden damit begründet, ich sei überqualifiziert – oder sie hätten sich für einen Kandidaten mit noch besserem Profil entschieden. Das Alter war nie ein Thema. Aber im Grossteil der Ausschreibungen steht meist eine Altersangabe, sie liegt zwischen 35 und 45 Jahren. Manchmal habe ich mich trotzdem gemeldet.»

Mit der Frührente und dem Teilzeit-Job seiner Frau kämen sie finanziell über die Runden, die Kinder sind erwachsen. Doch manchmal denke er schon: «Gopfridstutz, bin ich denn gar nichts mehr wert?» Mit über 50 sei es schwer, eine Stelle zu finden, sagt Herr B. «Ich habe für diese Firma in mehreren Städten gearbeitet und wäre auch heute noch flexibel.

Das Wort Wertschätzung können diese Leute nur noch schreiben.

Seinen einstigen Job böten aber vor allem Grossfirmen an, die meisten hätten solche Stellen ausgelagert. «Der IT-Bereich ist sehr schnelllebig. Bildet man sich nicht ständig weiter, ist man weg vom Fenster.» Dass er für die drei Jahre bis zur AHV-Rente noch eine Stelle findet, glaubt er nicht. Er versuche, die Situation positiv zu sehen, damit sie ihn nicht zu sehr belaste.

Im Gespräch wird aber auch heute noch seine Wut spürbar: «Diese Firma hat keine Sozialkompetenz mehr. Das Wort Wertschätzung können diese Leute nur noch schreiben. In der IT-Branche ist alles knallhart. Die Leute, die mit den Mitarbeitern so umgehen, verdienen nichts anderes, als dass es ihnen noch dreckiger ergeht, wenn sie selbst einmal in diese Situation geraten.»

19 Kommentare

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