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Gesellschaft & Religion Arno Gruen über den Verlust des Mitgefühls

Ohne Empathie keine Demokratie, sagt Arno Gruen. Der grosse, alte Mann der Psychoanalyse aus Zürich rückt mit seinem neuen Buch «Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden» die Gefühle ins Zentrum unseres Bewusstseins. Und stellt unsere Denkmuster komplett in Frage.

Legende: Video «Gruen: «Wir sind als Originale geboren und sterben als Kopie» » abspielen. Laufzeit 1:04 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 05.06.2013.

Es ist kein Vermächtnis, sagt Arno Gruen über sein neuestes Werk. Und doch lässt er in diesem nochmal die grossen Themen seines Lebens Revue passieren. Empathie steht im Zentrum seiner Untersuchung. Für ihn ist das die logische Konsequenz aus der Beschäftigung mit der Frage «Wie kommt das Böse in die Welt?», die seine gesamte Arbeit als Therapeut und Autor durchzieht.

Arno Gruen ist nicht müde, Liebe und Mitgefühl als die Säulen des Menschseins auszumachen. Wer den 90-jährigen Psychoanalytiker in der Praxis seiner Wahlheimat Zürich besucht, begegnet einem leidenschaftlichen und unerbittlichen Zivilisationskritiker. In Berlin wurde er als Sohn jüdischer Eltern geboren und emigrierte 1936 über Polen und Dänemark in die USA, studierte in New York Psychologie und promovierte beim Freud-Schüler Theodor Reik.

Über Entstehung und Verlust des Mitgefühls

Arno Gruen liefert ein leidenschaftliches Plädoyer für Empathie, eigentlich eine angeborene Eigenschaft, die dem modernen Menschen im Laufe der ersten zwei Lebensjahre abhanden kommt. Im besten Fall wird sie durch etwas ersetzt, was Gruen «kognitive Empathie» nennt. Er meint damit eine vom Verstand gesteuerte, aber nicht die ursprüngliche von der Emotion her kommende Empathie.

Legende: Video «Gruen: «Wir sehen durch abstrakte Ideen»» abspielen. Laufzeit 0:51 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 05.06.2013.

Der Verlust des Mitgefühls entsteht, weil der Mensch von Anfang an lernt: Kampf und Konkurrenz sind die Triebkräfte des Daseins. Kinder lernen Feind-Denken. Andere Bewusstseinszustände werden als naiv eingestuft, als unrealistisch, als schwach. Empathische, dem Menschen zugewandte Wahrnehmungen werden unterdrückt und unser Bewusstsein wird auf abstrakte kognitive Ideen, über das, was Realität ist, reduziert.

Eine Ursache dafür sieht der klassische Psychoanalytiker in einer Eltern-Kind-Bindung, die aufgebaut ist auf Belohnung und Bestrafung. Je nach Behandlung im Säuglingsalter lernt das Kind seine Gefühle – die sich durch Schreien äussern – zu akzeptieren oder als Belästigung der Eltern zu unterdrücken.

Gruen meint: Diese Zivilisation produziert Menschen, die standardisiert sind, die Angst haben, als Aussenseiter zu gelten. Und das, obwohl sich alle heute für Individualisten halten. So kommt zustande, was der englische Dichter Edward Young im 17. Jahrhundert folgendermassen formulierte: «Wir werden als Originale geboren, sterben aber als Kopien.»

Eigentlich eine sehr düstere Erkenntnis. Aber wer bei Arno Gruen Düsternis entdeckt, findet im Kern einen unerschütterlichen Glauben an das Gute. Denn Arno Gruen ist sich sicher: Der Mensch ist von Anfang an gut. Und wir unterliegen einem Irrtum, wenn wir glauben, das Leben sei ein einziger Kampf und es ginge ums Fressen und Gefressen werden. «Homo homini lupus est» («Der Mensch ist den Menschen ein Wolf») ist gemäss Gruen kein natürliches Gesetz, sondern ein von Menschen gemachtes und unhinterfragtes Konzept.

Zivilisation ist Kooperation, nicht Konkurrenz

Denn Zivilisation ist aufgebaut auf Kooperation und nicht auf Konkurrenz. Mit dieser Erkenntnis befindet sich Gruen in einer illustren Gesellschaft mit zahllosen anderen Psychologen, Anthropologen, Philosophen, Schriftstellern und Künstlern. Gruen will einen Perspektivenwechsel. Weg von den Standardeinstellungen im Kopf.

Legende: Video «Gruen: «Wir brauchen Kreativität und vor allem Ungehorsam.»» abspielen. Laufzeit 0:42 Minuten.
Aus Kulturplatz vom 05.06.2013.

Das ist sicherlich der grösste Verdienst von Arno Gruens Plädoyer. Er setzt beim Leser einen Denkprozess in Gang, an dessen Ende auf jeden Fall eines ganz sicher steht: Wir haben verlernt, autonom zu denken und zu fühlen, unabhängig davon, was in unserem Bewusstsein verhaftet ist. Wir staunen darüber, wie stark die Denkmuster sind, die Erziehung und sozialer Wirklichkeit zugrunde liegen. Sie werden nicht mehr hinterfragt. Der alltägliche Kampf wird als «naturgegeben» hingenommen.

«Freiwillige Knechtschaft» nannte der Philosoph Kropotkin das schon vor hundert Jahren. Arno Gruen plädiert nicht nur für Empathie, sondern auch für Ungehorsam.

Buchhinweis

Arno Gruen: «Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden.» Verlag Klett-Cotta, 2013.

22 Kommentare

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  • Kommentar von Sabrina Messner, Innsbruck
    Dem Ansatz kann ich bis auf eine Ausnahme voll zustimmen. Verständlich ist der Aufruf zum Ungehorsams vor dem Hintergrund seines Lebens. Man muss das aber differenziert betrachten: Regeln geben uns heute einen Rahmen in dem wir uns Frieden sichern, etwas wagen und erwarten können. Durch den Trend Ungehorsam (Individualismus, Egoismus) müssen Regeln für Dinge geschaffen werden die früher mit Hausverstand und Empathie automatisch funktioniert haben. Daher mehr Empathie und Verantwortungsgefühl!
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    1. Antwort von Wolfgang Harzig, Innsbruck
      Regeln schränken nur ein. Wir sind Menschen, keine Idioten. Man will uns vereinheitlichen damit. Die Natur ist aber unendliche Vielfalt. Beispiel wieviele Regeln bräuchten sie, wenn sie alles 100%ig lösen wollten? Richtig unendlich viele. Also können wir sie doch gleich weglassen. Wir haben ein Herz das fühlt.
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  • Kommentar von Georg Blumenschein, Speyer
    Eigentlich eine düstere Erkenntnis ?Herr A.Gruen ist Psychoanalytiker ! Er hat keine Angst den Schutt wegzuräumen !!
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  • Kommentar von Christel Schumacher, Münster
    Es braucht den Mut, sich seinen Gefühlen zu stellen, Verleugnungs- und Projektionsstrategien zu durchschauen, um sein authentisches, wahres Selbst zu entdecken. Dieses Selbst das frei von Angst ist, ist frei, sein Gegenüber in mitfühlender Weise zu betrachten. Niemand, der weiß wie es sich anfühlt ausgegrenzt zu sein, kommt auf die Idee, dies anderen anzutun. Unsere Welt wird nur gerettet, wenn wir aufhören unsere Kinder zu Kopien zu erziehen, die funktionieren und sich dabei vergessen müssen.
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    1. Antwort von Horst Reber, Münster
      Gefühle sind fast immer Innerlichkeiten, die am liebsten versteckt werden. Weil der Mensch befürchtet, falsch interpretiert zu werden. Beispielsweise als Schwächling, Individualist oder als ein Mensch, der noch nicht genau weiß, wo es im Leben lang geht. Gefühle sind oft stärker als die Ratio. Man muss sie nur ausleben und Haltung zeigen. Die Welt können wir nicht retten. Das ist nur einer höheren Macht möglich. Aber wir können uns bessere Inhalte und Werte geben.
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    2. Antwort von Wolfgang Harzig, Münster
      Ich betrachte Arno Gruen als Nachfolger von Sigmund Freud, nur noch perfekter. Mich hat Sigmund Freud schon begeistert, aber ich hatte noch ein paar Probleme. Diese konnte mir Arno Gruen nehmen. Nun verstehe ich vieles besser. Für mich ist er der größte Philosoph der Welt. Und ich habe da weiß Gott vieles gelesen.
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