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Gesellschaft & Religion Arno Gruen: «Verwöhnen hat nichts mit Liebe zu tun»

Der Mensch muss wieder lernen zu empfinden: Das ist eines der Hauptanliegen von Arno Gruen. Der Psychoanalytiker und Schriftsteller spricht darüber, wie wir Kindern von klein auf Gefühle beibringen können, warum Verwöhnen nicht die richtige Lösung ist und warum Schmerz auch gut tun kann.

Ein Regal voller Süssigkeiten. Ein Kind streckt seine Hand nach einem Behälter mit Süssigkeiten.
Legende: Kinder sollen nicht verwöhnt werden, davon ist Arno Gruen überzeugt. Colourbox

Macht unsere Gesellschaft die Menschen kaputt?

Arno Gruen: Unsere Gesellschaft macht es für Menschen schwierig, ihre eigenen Schmerzen zu erkennen, weil sie als Schwäche empfunden werden. Aber Schmerz kann die Basis einer empathischen Entwicklung sein. Ein Mensch, der Schmerzen empfindet, ist nicht gleich schwach.

Schmerzen gehören zu uns Menschen. Besteht diese Gesellschaftsstruktur, in der Schmerzen als Schwäche gesehen werden, in der Schmerzen verleugnet werden, schon seit jeher?

Erst in den letzten 10‘000 Jahren hat sich unsere Gesellschaft in diese Richtung entwickelt. Wir tun zwar so, als ob wir Schmerzen nicht verleugnen – aber wir verleugnen sie dauernd. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigt etwa, dass Manager viel weniger empathische Fähigkeiten haben als eine Gruppe von kriminellen Psychopathen, die im Gefängnis sitzen.

Früher und auch in sogenannten «primitiven» Gesellschaften bleiben Menschen mit ihren empathischen Wahrnehmungen verbunden. Empathie ist eine Fähigkeit, mit der wir geboren werden. In unserer Gesellschaft wird sie aber unterdrückt.

Sollten wir uns also an «primitiven» Gesellschaften ein Beispiel nehmen?

Wir können von ihnen lernen, wieder mit unseren eigenen Gefühlen zu Rande zu kommen. Viele Zugänge machen das unmöglich: Zum Beispiel, wenn Menschen versuchen, Leistungsdruck auf ihre Kinder auszuüben. Diese Kinder besitzen dann nicht die Fähigkeit, auf die Schmerzen anderer einzugehen.

Arno Gruen trägt eine Brille und ein Hemd mit Blazer.
Legende: Er kämpft für das Mitgefühl des Menschen: Arno Gruen. SRF / Juliet Haller

Sie hatten selbst einen sehr frühen und intuitiven Zugang zu ihren eigenen Gefühlen. Es gibt da eine Anekdote aus ihrer früheren Schulzeit.

Unsere Lehrerin Fräulein Goldmann in Berlin meinte, wir seien frech geworden und sie müsse deshalb einen Rohrstock kaufen. Sie nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und wollte wissen, wer im Laden gegenüber einen Rohrstock kaufen würde. 28 Schüler meldeten sich freiwillig. Ich war der einzige, der sich nicht meldete.

Angst scheint mir ein Motiv zu sein, das uns von klein auf begleitet. Ist es eine Art Angst vor einer Ohnmacht, vor Schmerz?

Die Angst hat mit Schmerz zu tun. Wenn ein ganz kleines Kind Schmerzen hat oder traurig ist und die Mutter oder der Vater damit umgehen kann, dann schadet der Schmerz dem Kind nicht – im Gegenteil. Wenn aber Eltern den Schmerz nicht tolerieren und das Kind den Schmerz als Schwäche erlebt, dann macht der Schmerz dem Kind Angst. Empathie kann Menschen aber stark machen, gerade weil sie Schmerz erleben.

Die «Tragödie» beginnt also in der Frühphase unserer Kindheit. Wie verhält man sich als junge Eltern richtig, damit aus dem Menschlein ein glücklicher Mensch wird?

Mütter, Väter, Verwandte müssen auf die Gefühle und die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Sie sollten nicht die Idee verfolgen, dass man Kinder sofort in die Unabhängigkeit führen muss.

Denn wie die Anthropologin Meredith Small erklärte: Babys sind bei der Geburt neurologisch noch nicht vollkommen entwickelt. Diese Entwicklung wird erst durch eine symbiotische Beziehung von Mutter und Kind, beziehungsweise Vater und Kind, vollendet. Stattdessen streben viele Eltern an, dass diese Bindung so schnell wie möglich unterbunden wird, damit das Baby unabhängig wird. Das ist das Problem: Wir produzieren eine Unabhängigkeit, die voller Angst ist. Denn die Eltern sind in einem ständigen Konflikt mit ihrem Kind. Dadurch wird das Empathische verdrängt – und die Kinder fühlen sich hilflos.

Ein Phänomen unserer Zeit ist auch, dass wir die Kinder verwöhnen, weil sie sich zu sehr in der Schule einpassen müssen. Sie sind ein vehementer Kritiker dieses Verwöhnens.

Verwöhnen hat nichts mit Liebe zu tun. Es ist ein Versuch, das Gegenüber dahin zu bewegen, wo wir es wollen. Verwöhnen ist eine Art und Weise zu bestimmen, wie ein Kind sein soll. Das hilft einem Kind nicht. Ein Kind verachtet die Eltern am Ende.

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Sehen Sie hier die «Sternstunde Philosophie» vom 7. Juni 2015 mit Arno Gruen.

8 Kommentare

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  • Kommentar von eva lind, wien
    bravo markus baumann, hätte es nicht besser formulieren können! Schoete/Griller :-)
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  • Kommentar von franz meier, bern
    Arno Grün geht nicht den ganzen Weg, sondern stellt ein paar pauschale Behauptungen in den Raum, die von vielen ohne Hinterfragen abgenickt werden (siehe Kommentare). Der Begriff "Verwöhnen" ist polemisch, geht aber der Sache nicht auf den Grund. Genauso, wenn ein anderer Autor von "kleinen Tyrannen spricht"..Gerade von einem Psychoanalytiker würde ich mir eine differenziertere Herangehensweise wünschen. Der Blick muss nicht auf die Kinder, sondern auf die Eltern/Grosseltern gerichtet werden.
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    1. Antwort von Markus Baumann, Pratteln
      @meier. Sie scheinen von Gruen nichts gelesen zu haben und von seinen Überlegungen wenig zu wissen. Sonst wüssten Sie, dass Gruen immer wieder ausführlich von den Eltern/Grosseltern spricht. Was motiviert Sie, hier so wenig fundierte Statements abzugeben? Lesen Sie mal "Der Fremde in uns". Lassen Sie sich Zeit und denken Sie ein wenig über sich selber nach.
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  • Kommentar von Markus Baumann, Pratteln
    Arno Gruen trifft den Kern einer Sache, die heute niemand hören will: Dass Kinder von Geburt an zuerst von Mutter und Vater mit ihrem ganzen Selbst, das sich erst entwickeln muss, empathisch angenommen werden sollten. Das bräuchte Zeit und Musse und bei Mutter und Vater Verbundenheit mit und in sich selbst. Da wir heute so sehr vom Aussen (Arbeit, Effizienz, Konsumhetze) aufgefressen werden, geht das Drama der seelisch misshandelten Kinder weiter. Kann die Bücher von Gruen wärmstens empfehlen.
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    1. Antwort von franz meier, bern
      nicht alles von arno gruen ist einleuchtend... und was heisst verwöhnen im konkreten fall? verwöhnen ist meistens negativ konnotiert, man beachte grüns jahrgang, es gibt pädagogen, die sagen, man könne ein kind nicht genug verwöhnen, weil sie den begriff positiv besetzen. http://www.taz.de/!5016765/
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    2. Antwort von Vroni Bamert, Fribourg
      ... und wenn man den Kindern diese Symbiose gewährt, lange stillt und die Prioritäten anders lebt, bekommt man spätestens mit der Schulbehörde Probleme, die das Wort "Ablösung" zu Markte trägt wie ein Pokal, aber eigentlich Schulsklaven meint, die sie marktkonform abrichten können und über alle Gefühle hinweggehen.Ich kann heute nur sagen, es hat sich gelohnt, sich als Mutter zugunsten der Empathiefähigkeit des Kindes auf die Hinterhacken zu stellen!
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    3. Antwort von M. Fischer, Buchs
      ..für irgendwas gibt es ja die WhatsApp. Bücher und Empathie sind was für gefühlsduselige retros.
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    4. Antwort von Markus Baumann, Pratteln
      @meier. Verwöhnen meint hier, das Kind mit Äusserlichkeiten zumüllen, ohne wirklich innere Beteiligung an seinem wachsenden Selbst. Dazu gehört auch die rein äusserliche manipulative Überbestätigung der Kinder. Auch das kompensatorische Überschütten mit "Liebe" durch liebesunfähige Eltern gehört dazu. "Es hat ihm doch an nichts gefehlt" = Standardsatz von Eltern, die nicht verstehen, dass Kinder später nichts mehr von ihnen wissen wollen. Gruen trifft den Kern der Sache. Halt unbequem.
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