Auf den Philippinen gehört die Katastrophe zum Alltag

Jahr für Jahr werden die Philippinen von den Taifunen getroffen – kein Wunder wandern die Menschen, die es sich leisten können, ins Ausland aus. Bei den Daheimgebliebenen bestimmt die permanente Bedrohung massgeblich das Alltagsleben: Überleben zwischen den Katastrophen und nicht aufgeben.

Satellitenaufnahme des Taifuns über den Philippinen.

Bildlegende: Taifun «Haiyan»: Naturgewalten unvorstellbarer Kraft. Keystone

Die Philippinen werden immer wieder von Katastrophen heimgesucht. Daraus ist eine «Kultur der Unsicherheit» entstanden, die den Philippinos hilft, mit solchen Schlägen umzugehen. Ob diese Mentalität auch bei einer solch drastischen Katastrophe weiterhilft, ist jedoch zweifelhaft, sagt der Sozialwissenschaftler Niklas Reese. Reese befasst sich seit 15 Jahren mit den Philippinen, seit 3 Jahren lebt er auf dem Archipel in Südostasien. Dabei hat er beobachtet, dass viele Philippinos und Philippinas einen ganz eigenen Weg gefunden haben, mit Schicksalsschlägen umzugehen.

Wenn die Katastrophe zum Alltag wird

Denn für die Bewohner der Philippinen gehört die Katastrophe zum Alltag. Jedes Jahr kommt sie wieder, die Taifun-Saison. Denn durch die Lage auf einer Erdplattengrenze kommt es immer wieder Fluten und Erdbeben. Darüber hinaus leben viele Menschen in grosser Armut. In dieser Situation können Menschen jederzeit von einem Unglück getroffen werden.

Die hohe Kunst des Durchwurstelns

Philippino beim Wiederaufbau.

Bildlegende: Ein Philippino baut auf, was der Taifun von seinem Dorf übrig liess: Der moderne Sysiphos. Keystone

Um mit dieser Situation umzugehen, haben die Menschen auf den Philippinen eine «Kultur der Unsicherheit» entwickelt, sagt Niklas Reese. Zu dieser gehören vor Allem zwei Dinge: «Swerte» und «diskarte». Diese beiden Begriffe stammen aus der auf den Philippinen am weitesten verbreiteten Sprache Tagalog.

«Swerte» lässt sich mit «Glück» übersetzen und bezeichnet ein grundlegendes Gottvertrauen, die unerschütterliche Zuversicht, dass einem nichts Schlimmes passiert.

«Diskarte» hingegen beschreibt Niklas Reese als die Fähigkeit des sich «Durchwurstelns» – die Bereitschaft, mit allem fertig zu werden, was einem passiert. «Diese beiden Eigenschaften sind auf den Philippinen eine Alltagshaltung», sagt Niklas Reese. Dazu kommt eine grosse Hilfsbereitschaft: «bayanihan» bezeichnet das gegenseitige Helfen in der Gemeinschaft, eine wichtige Tugend auf den Philippinen.

Der nächste Taifun kommt

Problematisch ist laut Niklas Reese jedoch, dass das Vertrauen auf «swerte» und das sich anpassen an die Katastrophe keine vorausschauende Planung mit sich bringt. Die allfällige Katastrophe wird oftmals ausgeblendet, mit ihr befasst man sich erst, wenn sie eintritt. Die verheerenden langfristigen Folgen eines Taifuns lassen sich bereits auf der südlichen Insel Mindanao erkennen. Diese wurde vergangenes Jahr vom Taifun Bopha getroffen. Bis heute wurde kaum etwas wieder aufgebaut, sagt Niklas Reese.

Dies liegt jedoch nicht nur daran, dass viele Philippinos und Philippinas sich auf «Swerte», das Glück, verlassen, statt sich auf Katastrophen vorzubereiten.

Die grosse Armut lässt vielen Menschen auch gar keine andere Wahl. Niklas Reese hofft deshalb, dass die Regierung nun stärkeren Katastrophenschutz betreibt. Denn die Anzahl und Intensität der Naturkatastrophen hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Es ist deshalb zu befürchten, dass solchen Unglücken mit «diskarte» allein je länger je weniger beizukommen ist.