Auf einer Sprachinsel im Tessin kann man «Ggraagguhüatsi» finden

Das idyllische Tessiner Bergdorf Bosco Gurin leidet an massivem Bevölkerungsschwund. Nur noch ein paar Dutzend Einheimische sprechen den einzigartigen Südwalserdialekt. Ein neues Wörterbuch dokumentiert die Substantive des «Gurinertitsch» – und ist viel mehr als nur ein Wörterbuch.

Dorf mit Kühen im Vordergrund

Bildlegende: Ein Dialekt verschwindet: Heute sprechen ungefähr 130 Personen Gurinerisch - alle «Exil-Guriner» mitgerechnet. Keystone

«Chritärlimäneschtru und Brootfedulti» – ein einfaches Menu, wie es in Bosco Gurin auf dem Speiseplan stehen könnte. Wörtlich übersetzt bedeutet das «Kräuterminestrone und Brotfüdli» und gemeint ist «Rübenkrautsuppe und Brotanschnitt». Gurinerdeutsch ist ein archaischer, bildhafter und klangfarbiger Dialekt. Gesprochen wird er einzig im Tessiner Bergdorf Bosco Gurin, das weit abgelegenen in einem Seitental des Maggiatals liegt, auf 1500 Metern Höhe. Es ist eine deutsche Sprachinsel mitten im Tessiner Dialektgebiet.

Guriner sprechen einen ureigenen Dialekt

Im 13. Jahrhundert wanderten deutschsprechende Siedler aus dem Wallis über die Alpenpässe an die Südhänge der Walliser Alpen, unter anderem auch aus dem Goms über den Griespass ins Pomatt und weiter über die Guriner Furgge ins Valle die Bosco Gurin. Die isolierte Lage in den Bergen und der Tessiner Dialekt als Nachbarsprache führten dazu, dass diese südwalserische Mundart unzählige Wörter und Formen aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen bewahrt hat. «Brüachschijsser» beispielsweise bedeutet «Hosenscheisser» (zu mittelhochdeutsch bruoch «Hose»), das «Fijrhüssgäntärli» entspricht unserem Chuchichäschtli.

Andererseits haben sich hier auch ganz eigenständige Neuerungen entwickelt, zum Beispiel der Ausdruck «Chläbtüächtschi» für die Eidechse oder «Ggraagguhüatsi», wörtlich «Rabenhütchen», für einen Pilz. Ausserdem ist der Dialekt gespickt mit Lehnwörtern aus dem benachbarten Tessiner Dialekt: «Mäneschtru» heisst Suppe (zu Tessinerisch minestra), ein «Blaasbotsch» ist ein Luftballon (von ital. bocia). Kurz: Gurinerdeutsch hat einen ganz eigenen und einzigartigen Sprachcharakter.

Gurinerdeutsch verklingt langsam, aber wohl endgültig

Abwanderung und Kulturwandel setzen dem Guriner Dialekt seit Jahrzehnten zu. Heute sprechen noch vielleicht 130 Personen Gurinerisch – alle «Exil-Guriner» mitgerechnet. Im Dorf selber leben gegen 50 Personen, von denen zwei Drittel Gurinerdeutsch sprechen. Kinder gibt es fast keine mehr.

Um so wertvoller ist die Wörtersammlung der Baslerin Emily Gerstner-Hirzel (1923-2003), die über Jahrzehnte hinweg zustande kam. Nun hat ein Team um das Museum Walserhaus und seine Kuratorin Cristina Lessmann-Della Pietra Gerstners Arbeit weitergeführt und das Wörterbuch «Aus der Mundart von Gurin – Wörterbuch der Substantive von Bosco Gurin» herausgegeben.

«Ds Wijbuchritz»

Das Buch ist weit mehr als eine Wörtersammlung. Mit seinem Reichtum an Geschichten und Anekdoten, die vielen Stichwörtern beigegeben sind, ist dieses Buch zu einer veritablen Kulturgeschichte von Bosco Gurin geworden.

Beim Wort «Wijbuchritz» zum Beispiel wird ausführlich erläutert, warum gemäss dörflicher Überlieferung bei kirchlichen Prozessionen jeweils eine Frau das Prozessionskreuz tragen darf. Die Frauen hätten sich nämlich bei der Schlacht von Giornico (1478) ruhmreich beteiligt. Drum ist es eben das «Weiberkreuz». «Weib» wird hier noch in der alten, neutralen Bedeutung «Frau» gebraucht und ist also keineswegs abwertend gemeint. Selten genug, dass ein Wörterbuch zum Lesebuch wird. Hier ist es der Fall. Und es hilft, eine 800-jährige Geschichte und Sprache vor dem Vergessen zu bewahren.

Buchhinweis

Emily Gerstner-Hirzel: «Aus der Mundart von Gurin. Wörterbuch der Substantive von Bosco Gurin», Hg. vom Museum Walserhaus, Armando Dadò Editore, 2014.

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