Auto-Ikonen und was sie bedeuten

Autos sind Kulturobjekte, manche sind auch Kultobjekte – sie können bestimmen, in welche Richtung sich das Auto entwickelt. Ein Kultobjekt steht als Zeichen für eine ganze Epoche. Nicht nur des Autobaus, sondern auch des Lebensgefühls.

Citroen DS.

Bildlegende: «Magischer als das Leben selbst»: die göttliche Citroen DS. Keystone

Ein Freund sass kürzlich in einem Tesla Roadster, einem dieser neuen, sehr teuren, sehr schnellen Elektroboliden. Es sass nicht lange, gestand er mir, und er habe auch keine Runde drehen können mit dem Ding. Aber es sei toll gewesen, einfach mal in diesem Auto zu sitzen, zu spüren, was ein modernes Elektroauto ausmacht: die 288 Pferdestärken, die den Wagen in 3,9 Sekunden auf 100 beschleunigen, der Radius von 340 Kilometern, die mit einer Batterieladung gefahren werden können.

Tesla Roadster.

Bildlegende: Unverpestete Alpenluft: der Tesla Roadster. Keystone

Nur ganz wenige werden sich dieses Fahrzeug leisten können, aber darum geht es nicht. Entscheidend ist, dass sich der Tesla Roadster innert kurzer Zeit zur Ikone des Elektroautos hat mausern können, als Traumauto sogar für Ökofreaks, die sonst für Autos gar nichts übrig haben. Der Tesla ziert die Frontseiten von Trendmagazinen, der Tesla ist Publikumsmagnet jeder Automesse, der Tesla ist das Lieblingsfahrzeug betuchter Avantgardisten, er ist Tischgespräch beim Thema Elektromobilität und längst schon urbane Legende.

Neue Artefakte

Der Philosoph Roland Barthes hat in einem Essay zu den Mythen des Alltags auch die Citroën DS, die man auf Französisch ausspricht wie «déesse», also die Göttin, als eine Ikone der Moderne bezeichnet. Die DS sei, so Roland Barthes, ein Referenzpunkt für die Verwandlung «von Leben in Materie», die «magischer ist als das Leben selbst».

Bei kaum einem Produkt der Moderne ist die Transformation eines Artefakts zu einem realen Traumobjekt so häufig und so eingängig ablesbar wie beim Auto. Der Ford T wurde zum Wunschauto für die breite Masse in den USA, Jahrzehnte bevor mit dem VW Käfer und dem Fiat Cinquecento in Europa dasselbe geschah. Die berühmte Citroën Traction Avant, das schwarze Banditenauto, stand für technische Innovation, für eine leichte, effiziente Bauweise im Fahrzeugbau; und der Citroën 2CV, die Ente, stand für das Lebensgefühl der 1968er Generation ebenso wie der spätere Golf, diese kantige Kiste, der «Generation Golf» ihren Namen gab.

VW Käfer

Bildlegende: War so kultig, dass er in einem Disney-Film zum Hauptdarsteller wurde: Herbie, «ein toller Käfer» (1968). Keystone

Allerdings schaffen nur wenige Autos den Schritt zur Ikone. Nicht einmal der elegante Jaguar E, schon gar nicht der biedere Audi 100 haben diesen Kultstatus erlangt, und es ist fraglich, ob die neuerdings aufgeblasenen Fiat Cinquecento und die Minis an ihre mythischen Vorgänger anschliessen können. Es braucht eben mehr als nur eine elegante oder eine schnuckelige Karosserie, mehr als nur ein paar Gadgets oder einen besonders kräftigen Motor. Um zur Ikone zu werden, muss ein Auto den Nerv der Zeit treffen.

Mitten in die Zeit hinein

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit Objekten, aber auch mit der Rede über Objekte befasst. Er hat für bestimmte Gegenstände und für die Art, wie wir über sie reden, den Begriff des «Dispositivs» geprägt und geschrieben, ein Dispositiv sei ein Vorgang, der die Fähigkeit habe, «die Gesten, die Verhaltensweisen, die Meinungen und die Diskurse der Menschen zu fesseln, zu orientieren, zu bestimmen, abzufangen, zu kontrollieren und festzuhalten». Kurzerhand: Ein Dispositiv ist so etwas wie ein machtvoller Moment der Erkenntnis und auch des Wissens.

Wenn einem nun beim Anblick eines Autos ein Licht aufgeht, und zwar nicht nur über das Auto selber, sondern über die ganze Zeit, in der es steht und für die es steht, dann ist das im doppelten Sinn bemerkenswert. Erstens, weil ein Auto immer mehr ist, als nur ein prosaisches Gefährt auf vier Rädern, sondern immer auch Transportmittel für Träume, für Phantasien, für Wünsche – das Auto ist ein Fetisch der Moderne, wie der Direktor des Museums Tinguely, Roland Wetzel, sagt. Zum anderen «sehen» wir in diesem Artefakt Auto eben auch nur das, was sich in der gegenwärtigen Zeit, im Hier und Jetzt an Wünschen und an Imaginationen überhaupt artikulieren lässt; auch unser Blick auf das Auto ist das Produkt der Zeitläufte.

Ein neuer Blick auf das Auto

Warum also ausgerechnet jetzt der Tesla? Vielleicht, weil er wie kein anderes Auto so etwas wie Intelligenz verkörpert, gepaart mit Individualität und mit einem Traum. Die Intelligenz, beim Autofahren nicht mehr die endlichen fossilen Ressourcen sinnlos zu verbrennen, sondern gescheit und effizient unterwegs zu sein. Das Gefühl, als Individuum seiner Zeit voraus zu sein, und jenen Traum des Autofahrens weiterträumen zu können ohne schlechtes Gewissen, ohne dem Planeten zu schaden.

Man darf gespannt sein, ob bald ein Auto auf den Markt kommt, der diesen Traum für die Masse zugänglich macht. Eine Ikone des Neuen, das dringend gebraucht wird, wenn Autofahren angesichts knapper werdender fossiler Ressourcen, angesichts des drohenden Klimakollapses überhaupt noch eine Zukunft haben soll.

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