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Religion und Terror «Bei jungen Dschihadisten spielt Religion eine wesentliche Rolle»

Religion kann zur Gewalt verführen, sagt der Religionswissenschaftler Johannes Saal. Ein Gespräch über den Zusammenhang von Religion und Terror.

Silhouetten von Personen mit Gewehren
Legende: Dschihadisten hoffen auf paradiesischen Lohn für ihre Taten. Getty Images

SRF: Warum ziehen Menschen in den Dschihad?

Johannes Saal: Da gibt es eine Vielzahl an sich teilweise überschneidenden Motiven. Diese reichen von religiösen Überzeugungen bis hin zur Abenteuerlust.

Was viele Ausreisende gemein haben: Sie wollen ihren muslimischen Geschwistern helfen. Also spielt paradoxerweise Altruismus eine Rolle, aber auch Sinngebung und insbesondere das persönliche Umfeld.

In der Schweiz sind es ja zumeist junge Männer, die ihr zuhause verlassen oder verlassen wollen, um für Radikalislamisten in den Krieg zu ziehen. Warum?

Auch hier existieren verschiedene Gründe. Diese jungen Menschen befinden sich quasi in einer «Sturm-und-Drang-Phase». Das heisst, sie sind anfälliger für radikales Gedankengut. Ebenso haben sie weniger Verpflichtungen gegenüber einer Familie oder Karriere.

Der Islamische Staat (IS) rekrutiert daher gezielt junge Leute. Die IS-Propaganda orientiert sich dabei ganz klar an der westlichen Jugendkultur und deren Ästhetik.

Jedoch kann man dies nicht verallgemeinern. Auch älteren Menschen reisten aus der Schweiz und ebenso Frauen, auch wenn deren Anteil in der Schweiz nur halb so gross ist wie in anderen europäischen Ländern. Dort liegt der Frauen-Anteil bei etwa 15 Prozent.

Welche Rolle spielt die Religion bei den jungen Radikalen?

Viele junge Dschihadisten sind theologisch wenig versiert, jedoch ist die Rolle von Religion wesentlich. Das geringe religiöse Wissen steht auch im Zusammenhang mit dem hohen Anteil an Konvertiten und «wiedererweckten» Muslimen. Solche Personen haben zumeist wenige theologische Argumente gegen eine dschihadistische Interpretation des Islam.

Dennoch sind religiöse Motive für diese Menschen bedeutend. Die Auswanderung in das Kalifat und der Dschihad gegen Ungläubige wird als religiöse Pflicht und ehrenwerte Tat erachtet, die mit sozialer Anerkennung und paradiesischem Lohn entgolten wird.

Der Islamischen Staat und deren Anhänger versuchen ihr gesamtes Handeln religiös zu legitimieren.

Halten Sie Moscheen für eine Gefahrenquelle?

Die grosse Mehrheit sicherlich nicht. Es gibt jedoch einige wie die An’Nur-Moschee in Winterthur, wo ganz klar ein radikaler Islam gepredigt und gelebt wird. Wenn eine Moschee-Führung Extremisten in den eigenen Reihen bemerken, werden diese Personen oft ausgeschlossen und treffen sich dann in einem anderen, informelleren Rahmen.

In anderen Fällen, wenn die Gruppe von Radikalen gross genug ist oder die Moschee-Führung tatenlos bleibt, brechen Machtkämpfe um die Moscheespitze aus, wie wir es bei der König-Faysal-Moschee in Basel beobachten können.

Ist der Dschihadismus eine religiöse Bewegung?

Ja, ganz klar. Sie stellt eine Minderheit innerhalb der salafistischen Bewegung dar, die sich dem gewalttätigen Kampf gegen Nicht-Muslime verschrieben hat um den «wahren» Islam zu verbreiten. Der IS und seine Anhänger versuchen ihr gesamtes Handeln religiös zu legitimieren. Es gibt kaum offizielle Veröffentlichungen des IS ohne Koran-Zitate.

Die Religionsgeschichte ist voll von Gewalt.

Wie passt das zusammen – Religion und Terror?

Grundsätzlich ist Terrorismus keine Ideologie, sondern eine Strategie politischer Gewalt. Sie erzeugt Furcht und soll durch diese eine Reaktion der in der Regel militärisch überlegenen Gegenseite erzwingen. Terrorismus ist daher nicht per se religiös.

Auch säkulare Organisationen wie die kurdische PKK, die palästinensische Fatah oder die Tamil Tigers verübten Terroranschläge. Religiöse Terrororganisationen müssen auch nicht per se muslimisch sein wie zum Beispiel die radikaljüdische Kahane.

Es gibt hingegen recht viel Forschung zu der Frage, warum gerade Selbstmordattentate bei dschihadistischen Gruppen virulent sind.

Mal abgesehen von historischen und politischen Umständen kann man einerseits annehmen, dass Dschihadisten eine niedrigere Hemmung haben, sich selbst zu töten, da sie dafür Eintritt in das Paradies erlangen.

Andererseits sinkt durch die Dämonisierung von Ungläubigen die Hemmschwelle, diese zu töten.

Kann man sagen: Religion kann zur Gewalt verführen?

Ja, ganz klar. Die Religionsgeschichte ist voll von Gewalt, sowohl in religiösen Texten als auch in der Praxis. Ein Blick in die Tora, Bibel und den Koran genügen. Hier finden sich unzählige Geschichten, die mit Gewalttaten verbunden sind. Ebenso lassen sich Normen finden, die vorschreiben, wann und welche Gewalt legitim ist.

Religiöse Gewalt kann rituell oder Strafe sein, sie kann sich gegen Sünder und Apostaten oder Aussenstehende richten. Besonders problematisch wird es, wenn eine religiöse Strömung besonders exklusivistisch ist und einen absoluten Wahrheitsanspruch stellen.

Das Gespräch führte Hansjörg Schultz.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 02.07.2017, 8:30 Uhr

Zur Person

Zur Person

Johannes Saal ist Religionssoziologe und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Luzern. Zurzeit forscht er an einem Nationalfondsprojekt über Radikalisierungs- und Rekrutierungsprozesse innerhalb dschihadistischer Netzwerke im deutschsprachigen Raum.

Religion und Terrorismus

Religion und Terrorismus
Legende: Keystone

11 Kommentare

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  • Kommentar von Anna Kissling (Cristalmix)
    @ May Baumann. In Nordorea ist Religion verboten. Alles klar?
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    1. Antwort von Stefan Faes (Stefan Faes)
      Die Verfassung Nordkoreas erlaubt freie Ausübung der Religion (Art. 68). Was nicht heissen soll, dass dem so ist... Von einem Verbot kann jedenfalls keine Rede sein. Bitte Fakten vorgängig wenigstens ansatzweise überprüfen.
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  • Kommentar von max baumann (phönix)
    Solange es noch Menschen gibt, die religiöse Theorien als real betrachten solange wird es Fanatiker geben und solange die Religionen nicht verboten werden wird es Kriege geben. Ich rede vom Verbot der Religionen nicht von einem Verbot des Glaubens. Religions-Führer benutzen den Glauben zur Ausübung ihrer Macht und Einflusses auf die Gläubigen.
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    1. Antwort von Philipp Etter (Philipp Etter)
      Ich halte Ihre Beschränkung auf "religiöse Theorien" für zu eng. Meiner Meinung nach geht es um "Dogmen", also auch nicht- oder antireligiöse Glaubenssätze, denen man sich verschreibt und die man nicht mehr hinterfragt und für allgemeingültig hält und die man andern aufzuzwingen versucht, weil sie ja allgemeingültig zu sein scheinen. Beispiele: Kapitalismus, Kommunismus, Rassenüberlegenheit, Wissenschaftsglaube, Evolutionstheorie, Gender-Ideologie...
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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Na dann tut mal was dagegen! Oder sollen wir auch noch Mittleid haben? Das wäre ja noch besser... Wir leben in einem mehr oder weniger aufgeklärten System, dass Religion und Staat trennt. Warum sollen wir Millionen Andersdenkender hier aufnehmen und das auch noch akzeptieren? Wer hier her kommt, muss sich unserem System anpassen. Wer das nicht will, der darf auch gerne in einen anderen Gottesstaat um "Asyl" anhalten. Angeblich sind die ja besser als wir...
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    1. Antwort von Thomas Steiner (Thomas Steiner)
      Sie haben es nicht verstanden: Es geht hier nicht um den Islam, sondern um Religion allgemein, die Menschen dazu bringt Terror zu sähen. Das Mittelalter war im Christentum eine Zeit des religiösen Terrors, im nahen Osten aber mit dem Islam eine Blütezeit, der wir unsere moderne Medizin und unser Zahlensystem verdanken!! Die Menschen fliehen zu uns, weil sie sich UNSERE Werte schätzen: sie dürfen sagen was sie wollen.
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    2. Antwort von Martin Meier (M.Meier)
      @Steiner: Sie haben recht, im Mittelalter war dem so! Wir sind aber im 21. Jh und wenn wir mit diesen religiösen Fanatikern nichts am Hut haben, dann müssen wir uns auch nicht alles gefallen lassen!
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    3. Antwort von Jörg Frey (giogio)
      Wie vergesslich doch viele Kommentatoren sind. In den 1960er und 1970-Jahren gingen Tausende von Schweizern in die französische Fremdenlegion. Von meiner Familie waren es zwei. Sie gingen sicher nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil sie sich in unserer Schweiz unwohl fühlten. Und als sie zum Glück lebend zurück kamen, waren sie gründlich aufgewacht. Auch sie wurden bestraft. Aber so einen riesigen Medienhype wie bei den Dschjhadkriegern gab es nicht. Wie sich die Zeiten ändern!!
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