Bindungsangst ist nichts als vernünftig

Bindungsangst ist zum Schlagwort geworden. Auch die Forschung beschäftigt sich mit dem Phänomen und stellt fest: vor allem Männer sind immer seltener bereit, feste Bindungen einzugehen. Verantwortlich dafür seinen neue gesellschaftliche Strukturen, meint Soziologin Eva Illouz.

Die Rückansicht eines Mannes, um dessen Hals und Schultern zwei Frauenarme geschlungen sind.

Bildlegende: Männer und ihre Bindungsangst: Die grossen Verlierer auf dem Marktplatz der Liebe sind häufig die Frauen. Getty Images

Die Angst vor Bindungen scheint sich als zeitgenössische Volkskrankheit in Liebesdingen etabliert zu haben. Die Scheu, eine verbindliche Beziehung einzugehen, wird dabei vor allem dem männlichen Geschlecht zugeschrieben. Von der Sehnsucht nach der grossen Liebe will sich zwar niemand recht verabschieden, Verbindlichkeit und Erwartungen schrecken jedoch bemerkenswert schnell ab. Und dann ist da noch das Risiko, enttäuscht zu werden.

Bindungsangst ist ein gesellschaftliches Problem

Zahlreiche Ratgeber und Psychologen haben sich mit den Motiven von bindungsängstlichen Menschen auseinandergesetzt. Aber reichen psychologische Erklärungen noch aus für ein Phänomen, das die breite Gesellschaft erreicht hat? Die israelische Soziologin Eva Illouz eröffnet in ihrem 2011 erschienenen Buch «Warum Liebe weh tut» eine neue Perspektive. Sie macht gesellschaftliche Strukturen für das Scheitern in der Liebe verantwortlich. Und findet, wir sollten die Schuld weniger beim Einzelnen suchen.

Die Qual der Wahl

Illouz sieht die neu errungenen Freiheiten unserer Gesellschaft als grosse Herausforderung für die Liebe. Neue Kommunikationstechnologien wie Social Media erweitern das Auswahlangebot an möglichen Partnern erheblich – und erschweren dadurch eine Entscheidung.

Der Optimierungsgedanke unserer Zeit trägt zur steten Hoffnung bei, vielleicht noch jemand passenderen zu finden. Rationale Denkstrategien treten an die Stelle spontaner Intuition, die einzelnen realen Möglichkeiten verlieren durch den ständigen Vergleich an emotionalem Wert. Gleichzeitig gewichten wir die eigene Autonomie und Selbstverwirklichung immer stärker und steigern damit auch die Erwartungen an eine Beziehung zu einem anderen Menschen.

Liebe wird zum Garanten unserer Identität

Auch Angelika Krebs, Professorin für Philosophie an der Universität Basel, macht in der heutigen Gesellschaft höhere Erwartungen an die Liebe aus. Gemeinsam mit ihrem israelischen Kollegen Aaron Ben-Ze‘ev arbeitet sie derzeit an Fragen zum Thema der Liebe in der rastlosen Gesellschaft. In einer Zeit, wo alle anderen Anker wegfallen, sei Liebe zum wesentlichen Garanten unserer Identität geworden. «Das ist gefährlich», sagt Krebs, «man darf die Liebe auch nicht überfordern». Bindungsangst bezeichnet sie in diesem Zusammenhang als schlicht vernünftig – da sowohl Unsicherheit als auch die nötige Investition in eine funktionierende Beziehung zugenommen haben.

Bindungsangst kann auch eine Strategie sein

Für Illouz sind auf diesem «Marktplatz der Liebe» die Frauen die grossen Verlierer. Diese stellen aufgrund von Kinderwunsch und biologischem Zeitdruck bei der Partnersuche ein Überangebot dar. Männer hingegen müssen ihren Status nicht mehr über eine Familiengründung definieren. Laut Illouz wählen sie ihre Partnerinnen im Unterschied zu den Frauen bezüglich Alter und Bildungsstand aus einem grösseren Spektrum. So sinkt die Bindungsbereitschaft bei den Männern auch viel stärker als bei den Frauen. Die Bindungsangst ist dann eine rationale Strategie der Männer, auf dieses Überangebot zu reagieren und künstliche Knappheit zu erzeugen.

Die Kraft der Leidenschaft

Krebs und Ben-Ze’ev sehen jedoch keine Krise der Liebe, vielmehr erfahre diese in unserer Gesellschaft eine positive und gesunde Wiedergeburt. Sie schlagen zwei Alternativen vor, der Bindungsangst entgegen zu treten: entweder die Strukturen, in denen Liebe stattfinden soll, flexibler zu gestalten oder tiefer gehende Beziehungen anzustreben. Illouz denkt ähnlich, wenn sie den Frauen rät, neue Formen des Zusammenlebens und der Kindererziehung in Erwägung zu ziehen. Sie findet, dass sich die Rettung der Liebe in der Kraft der Leidenschaft aufzeigt.

Buchhinweis

Eva Illouz: «Warum Liebe weh tut – Eine soziologische Erklärung», Suhrkamp, 2011.

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