Biografie eines Ökoterroristen: Nah dran, aber zu unkritisch

Ein aufschlussreiches Buch mit konzeptionellen Mängeln: So präsentiert sich Kurt Brandenbergers Biografie «Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand». Die alternative Szene der 1970er und 80er-Jahre porträtiert der Journalist eindrücklich. Doch es fehlt ihm an Distanz zu seinem Thema.

Ein Mann mit dunklen, schulterlangen Haaren und Bart blickt in die Kamera.

Bildlegende: Marco Camenisch kam 1952 im Bünderland zu Welt. Er beging mehrere Sprengstoffdelikte und ist wegen Mordes verurteilt. Keystone

Warum der Grenzwächtersohn Marco Camenisch, Jahrgang 1952, zur Symbolfigur linker und anarchistischer Kreise wurde, konnte einem schon vor Jahrzehnten ein Rätsel sein. Der Bergler, der sich aus ökologischer Überzeugung dem bewaffneten Kampf verschrieb, blieb selbst in der verhärteten politischen Atmosphäre der 1970er- und 80er-Jahre nur einer radikalen Minderheit nicht fremd.

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Die Biografie eines Ökoterroristen

2:39 min, aus Tagesschau vom 15.4.2015

Kurt Brandenbergers Buch vermag dieses Rätsel nicht zu lösen. «Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand» liest sich flüssig. Es ist ein spannendes Buch, das passagenweise einem Manifest ähnelt, das die Haltung des in der Schweiz und in Italien verurteilten Sprengstoffattentäters und Mörders transportiert. Als Zeitdokument ist Brandenbergers Arbeit wertvoll, als Blick auf eine politische Szene. Der Autor hat über einen längeren Zeitraum hinweg mehrmals im Gefängnis mit Camenisch gesprochen. Er hat Angehörige und einstige wie heutige Gesinnungsgenossen befragt und in Archiven Presseerzeugnisse der Öko- und Anarchoszene sowie der Zürcher «Bewegung» der frühen 80er-Jahre ausgewertet. Er zitiert daraus, teilweise ausgiebig.

Zu nah und zu wenig kritisch

Die Einseitigkeit des Buches ist ein Problem. Die Gegenseite kommt lediglich durch Textstellen aus Polizeiprotokollen und Anklageschriften und den einen oder anderen Artikel aus der «NZZ» und der «Weltwoche» zu Wort. Brandenberger hätte, um wenigstens etwas Ausgewogenheit zu erreichen, auch mit Vertretern der Anklage sprechen müssen, mit Leuten aus der von Camenisch attackierten und geschädigten Elektrizitätsindustrie – und nicht zuletzt mit Angehörigen des Grenzwächters, den Camenisch laut Urteil des Zürcher Obergerichts im Jahr 1989 im bündnerischen Brusio erschossen hat.

Auch nichtinvolvierte Parteien, die das Phänomen Camenisch sachlicher beurteilt hätten, also Sozialwissenschaftler, Politikwissenschaftlerinnen und Historiker, die die geistige und soziale Welt des «Öko-Terroristen» hätten einordnen können, fehlen unter Brandenbergers Quellen. Er ist nah dran, zu nah und zu wenig kritisch.

Unkommentierter Pathos

Weder hinterfragt Brandenberger Camenischs Weltbild als «Kriegsgefangener» eines – das muss man deutlich festhalten – demokratischen Staates, noch merkt er auf, wenn Camenisch in der Gegenwart im Gefängnis von der Notwendigkeit des militanten Kampfes spricht.

Unkommentiert bleibt auch dessen Pathos: Er bezeichnet den von ihm ermordeten Grenzwächter, einen Berufskollegen seines Vaters notabene, als «einen zum Töten wohlausgebildeten und wohlbewaffneten Soldaten des Staates der bürgerlichen Industrie- und Finanzoligarchie der Schweiz». Seine Sprengstoffanschläge auf Strommasten nennt er eine «Antwort Betroffener auf den Zerstörungskrieg des Kapitals».

Ein Bild der Zeit

Diese Einseitigkeit ist das konzeptionelle Grundproblem von Kurt Brandenbergers ansonsten fleissiger Recherchearbeit. Sein Buch ist keine der Sachlichkeit verpflichtete Biografie, sondern eher ein Dokument der ökologischen, anarchistischen und linken Szene der 1970er- und 80er-Jahre, eine glühende und berechtigte Anklage auch gegen die damals in der Schweiz praktizierte Isolationshaft.

Und er erzählt natürlich den Lebensweg von Marco Camenisch. Das leistet Kurt Brandenberger sehr gut: Camenisch kam 1952 im Bündnerland zur Welt, wurde in den 70er-Jahren in der Anti-AKW-Bewegung politisiert, arbeitete als Hilfsarbeiter, Alphirt, rauchte Gras und las anarchistische Schriften. Er verübte Sprengstoffanschläge auf Einrichtungen der Atomindustrie, wurde gefasst und verurteilt. Er floh aus der Strafanstalt Regensdorf, lebte zehn Jahre im Untergrund, beging in Italien weitere Sprengstoffdelikte, wurde dort erneut festgenommen, verurteilt – nach Verbüssung der Strafe und der Auslieferung in die Schweiz auch für den erwähnten Grenzwächter-Mord.

Ein geschlossenes Weltbild

Bei aller Kritik, mit der man dem politischen und wirtschaftlichen System der Schweiz begegnen kann: Camenischs Ansicht, man befinde sich buchstäblich im Krieg gegen Umweltzerstörung, Kapital und Globalisierung, und seine Ablehnung der Demokratie und ihrer Institutionen sind befremdlich. Sein geschlossenes Weltbild bestätigt Erkenntnisse aus der Terrorismusforschung: Zu gewalttätigem Extremismus neigen junge Menschen, die nach Halt und Orientierung suchen und diese in einer Ideologie finden; Menschen, die sich und andere als Opfer sehen und aus dieser Haltung heraus stellvertretend einen Kampf aufnehmen; junge Leute, die sich in einer Gesellschaft abgekoppelt fühlen.

Tragisch daran ist, dass Marco Camenisch bis heute unverdrossen an seinen Standpunkten festhält und sich von der Idee des «bewaffneten Kampfes» nicht verabschiedet hat.

Buchhinweis

Kurt Brandenberger: «Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand», Echtzeit, 2015.

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