Bischof Armash Nalbandian: «Syrien ist noch nicht am Ende»

Der armenisch-orthodoxe Bischof von Damaskus, Armash Nalbandian, lebt zwischen den Fronten: Er verurteilt die Taten der Aufständischen, gleichzeitig kritisiert er das Assad-Regime. Aber er ist guter Hoffnung für Syrien: Er vertraut auf die Jahrhunderte alten Wurzeln von Toleranz und Respekt.

Eine Kirche in ländlicher Umgebung mit sichtlichen Spuren der Zerstörung.

Bildlegende: Eine zerstörte Kirche in Syrien. Der Krieg forderte bisher über 100'000 Tote und Millionen von Flüchtlingen. Keystone

Armash Nalbandian waren die jungen Leute sympathisch, die vor gut drei Jahren in Syrien auf die Strasse gingen und, beflügelt vom frischen Wind des arabischen Frühlings, für mehr Demokratie demonstrierten. «Jeder war durstig nach Reformen. Auch wir Christen.»

Die Demonstrationen wurden aber brutal niedergeschlagen, und es entwickelte sich bald ein bewaffneter Konflikt zwischen Regierungs- und Rebellentruppen, die ihrerseits rasch von ausländischen Gotteskriegern unterwandert worden waren. Dass die Assad-Regierung sämtliche Rebellen als Kriminelle bezeichnet, sei aber ebenso unangemessen wie die Behauptung der Weltgemeinschaft, bei den Aufständischen handle es sich um Freiheitskämpfer, sagt Nalbandian: «Wer Schulen, Kirchen und Moscheen attackiert und Andersdenkende entführt und enthauptet, ist kein Freiheitskämpfer.»

Demokratie: kein Industrieprodukt

Armash Nalbandian hofft auf einen baldigen Waffenstillstand, den er sich eigentlich nur nach einem Sieg der Regierungstruppen vorstellen kann. Das heisse aber noch lange nicht, dass er ein Sympathisant Assads sei: «Ich bin weder auf der einen noch auf der anderen Seite.» Er stehe für die Kirche, und diese sei generell in einer oppositionellen Position: «Die Kirche ist jene Institution, die für Recht und Gerechtigkeit kämpft.»

Nalbandian fordert von der syrischen Regierung, der intellektuellen Opposition – zu der er sich mitzählt – nach einem allfälligen Frieden Raum zu geben und deren politische Visionen einzubeziehen. «Wenn wir nicht bereit sind für den Dialog zwischen den verschiedensten Interessengruppen, wird Syrien zu einem neuen Nest der Al-Kaida.»

Trotz Hunderttausender Toten und Millionen Geflüchteter hält Armah Nalbandian an seiner Hoffnung auf eine gute Zukunft Syriens fest: «Ich hoffe, dass diese drei Kriegsjahre zwar als dunkle und blutige Zeit in die Geschichtsbücher eingehen, dass sie aber nicht das Ende Syriens bedeuten.» Es brauche nun Geduld: «Demokratie, Freiheit und Frieden sind keine Industrieprodukte. Man kann nicht in ein Geschäft gehen und zwei oder drei Stücke Demokratie verlangen – das ist ein Prozess.»

Den Dialog mit Syrien wieder aufnehmen

Armash Nalbandian vertraut in diesem Prozess auf die syrische Identität: «Jahrhunderte lang haben in Syrien verschiedene Religionen und Kulturen friedlich zusammengelebt und sich gegenseitig toleriert und respektiert.» Die Erfahrungen, die er als armenisch-orthodoxer Christ mit dem Islam gemacht habe, gäben ihm Hoffnung: «Der syrische Islam ist ein friedlicher Islam.»

Und was kann der Westen für den Frieden in Syrien tun? Die Weltgemeinschaft solle die Unterstützung für die Aufständischen stoppen und die diplomatischen Beziehungen zu Syrien wieder aufnehmen: «Syrien ist jetzt komplett isoliert – das ist nicht der richtige Weg.»

Armash Nalbandian

Armash Nalbandian

Der 41-Jährige ist seit 2006 Bischof der armenisch-orthodoxen Kirche in Syrien und steht der Diözese Damaskus vor. Zuvor lebte er mehrere Jahre in Deutschland und war Diakon und Priester in Baden-Würtemberg.