Bitte lächeln! Ulrich Schnabel über den Ernst der Emotionen

Ein Sachbuch mit Gefühl: In seinem Wälzer «Was kostet ein Lächeln?» entlarvt der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel die emotionalen Fallen der Konsumgesellschaft. Und er zeigt, wie wir uns gegen die gefühlsmässigen Zumutungen unserer Zeit wehren können.

Ein Mann schiebt mit den Zeigefingern die Mundwinkel hoch und zwingt sich so zu einem Lächeln.

Bildlegende: Entlassen – aber mit einem Lächeln im Gesicht: Gefühle beherrschen auch die moderne Arbeitswelt. Getty Images

Über Gefühle erleben wir die Welt. Sei es im Glück, in der Liebe oder mit dem Stress am Arbeitsplatz. Die Flüchtlingswelle erleben wir möglicherweise als Bedrohung. Vielleicht lösen die Menschen auf der Flucht aber auch unser Mitleid aus. Oder ist es gar Mitgefühl? Je nachdem werden aus Gefühlen Gedanken. Und aus Gedanken Handlungen. Und damit beginnt gar nicht mal so selten Politik.

Der kluge Umgang mit Gefühlen

Gefühle sind alles. Das macht uns Ulrich Schnabel auf kluge und unterhaltsame Weise klar. «Was kostet ein Lächeln?» ist elegant geschrieben und auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung. Der Mann weiss, wie das geht; immerhin ist er mehrfach ausgezeichneter Wissenschaftsjournalist.

Und Schnabel hat ein Anliegen. Er will zum klugen Umgang mit unseren Gefühlen anregen. Er will, dass wir sie ernst nehmen: nicht nur als treibende, sondern auch bestimmende Kraft. Aber um klug damit umgehen zu können, müssen wir sie erst einmal wahrnehmen.

Ohne Gefühle geht gar nichts

Die im Titel formulierte Frage «Was kostest ein Lächeln?» trägt durch das ganze Buch. Was sind Gefühle eigentlich wert? Lassen wir die Katze aus dem Sack: Sie sind unbezahlbar! Vielleicht wird deshalb so richtig viel Geld verdient damit. Denn: Ohne Gefühle keine Unterhaltungsindustrie, keine Werbung, kein Lottospiel. Vermutlich auch kein Konsum. Was für eine Welt!

Ulrich Schnabel lässt die Ambivalenz von Gefühlen schillern. Beschreibt ihre Anfänge in den frühen Hirnschichten: Hunger, Angst, Freude. Er schildert, wie jedes Baby von neuem die Geschichte der Evolution durchläuft. Die basalen Gefühle verfeinern sich zwar, bleiben aber immer tief verwurzelt. Als Menschen sind wir ihnen vollständig ausgeliefert.

Soft Skills und Social Media

Gefühle haben Macht. Das hat längst auch das moderne Management erkannt. Human Resources werden freundlich behandelt, Bosse leben Soft Skills und entlassen zur Not mit einem ernst gemeinten Lächeln auf den Lippen. Auch das ein Aspekt, dem Ulrich Schnabel viel Aufmerksamkeit schenkt.

Denn schliesslich ist Selbstoptimierung im Zeichen des Kapitalismus das Gebot der Stunde. Das Gefühl des Ausgebrannt-Seins, das Burnout, ist davon nur gerade mal ein Symptom. Ein anderes Symptom sind die Energiewellen die Social Media zum Beben bringen. Ihr Treibstoff: Emotions.

Kein Ratgeber

Sie kennen das. Mit einigen Menschen können Sie's gut. Mit anderen einfach überhaupt nicht. Die Wissenschaft weiss inzwischen, was da los ist. Menschen funktionieren miteinander mittels Resonanz. Wir tauschen unbewusst und auf vielen Kanälen Botschaften aus mit unseren nächsten.

Je mehr Botschaften Widerhall finden, desto wohler fühlen wir uns mit dem Anderen. Wenn die Kanäle nicht verstopft sind, können wir uns stimmungsmässig sofort anpassen, uns anstecken lassen von Freude. Oder auch mal leidenschaftlich miteintauchen ins Jammertal eines Freundes.

«Was kostet ein Lächeln?» ist für Menschen, die es geniessen, beim Lesen geistige Lust zu verspüren. Die Freude haben an Erkenntnis – über sich selbst, über andere, über die Menschheit. Aber Vorsicht: Ein wohlfeiler Ratgeber ist Schnabels Wälzer nicht. Vielmehr eine akurate Kartographie des Fühlens, seiner Geschichte und seiner Aktualität.

Buchhinweis

Ulrich Schnabel: «Was kostet ein Lächeln? Von der Macht der Emotionen in unserer Gesellschaft», Blessing Verlag 2015.

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