«Blick in die Feuilletons»: «KONY» und das Wutbürgertum Italiens

Vor einem Jahr sorgte der Youtube-Film «KONY 2012» für Furore. Millionen sahen das Video. Der Erfolg brachte den Regisseur Jason Russel in eine Klinik. «Die Zeit» hat mit Russel gesprochen. In der NZZ erhält der Publizist Robert Misik das Wort und warnt vor billigen anti-politischen Ressentiments.

Ein Plakat mit dem Kopf von Rebellenführer Joseph Kony ist mit grossen Klebstreifen an einen Baum geklebt.

Bildlegende: Die Kony-Kampagne ging 2012 über Youtube hinaus. Keystone

Im März 2012 klickten innerhalb von einer Woche 100 Millionen Menschen den Film über den ugandischen Rebellen Joseph Kony an. Plötzlich wurden Jugendliche politisiert, die sich zuvor noch nie Gedanken über Afrika gemacht haben. Diese Kampagne hat eine solche Wucht entfaltet, dass es dem Regisseur Jason Russell zu viel wurde. Er war überfordert und musste nach einem Nervenzusammenbruch in einer Klinik behandelt werden.

Ein Jahr später besucht die «Zeit» den 30jährigen in San Diego. Jason Russel sitzt in einem schlichten Café, trägt einen grauen Anzug und eine rosa Krawatte. Der Stress und der mediale Druck haben zwar abgenommen, Medikamente muss Russell aber immer noch nehmen. Und Joseph Kony versteckt sich weiterhin im afrikanischen Regenwald.

Die Kampagne für die Festnahme hat beim Initiator Jason Russell Spuren hinterlassen. Doch seine Hartnäckigkeit bleibt ungebrochen: Von Aufhören ist keine Rede, solange Kony nicht gefasst ist. Der Artikel über die Befindlichkeit von Jason Russel trägt den schönen Titel: Der Fluch des Guten.

Die NZZ über Wutbürgertum in Italien

Es ist über eine Woche her, dass in Italien gewählt worden ist. Seitdem versucht das In- und Ausland zu verstehen, warum ein Viertel der Italiener einem Komiker ohne politisches Programm die Stimme gibt. Es ist die Rede von Polit-Verdrossenheit oder von Legitimations-Verlust. Die Protest-Wähler Grillos ernten jedoch auch viel Verständnis von den Wahl-Kommentatoren.

Das stört den österreichischen Publizisten Robert Misik. Er warnt in einem Meinungsartikel in der NZZ vor dem gefährlichen Spiel mit anti-politischen Ressentiments. Das Wutbürgertum reagiere nicht mehr nur, sondern würde so zum Teil des Problems. Misik schreibt: «Gewiss haben viele Politiker alle Häme der Welt verdient, aber das moralische Überlegenheitsgetue, mit dem das anti-politische Ressentiment heute oft daherkommt, ist meist billig.»


Blick in die Feuilletons

3:04 min, aus Kultur kompakt vom 07.03.2013

Misik zeigt ein gewisses Verständnis, dass man sich von der Politik abwendet, aber «Sie machen die Luft nicht besser». Der 47jährige hofft, dass vernünftige, progressive Politiker bald wieder das Sagen auf der Politbühne haben. Und erinnert zum Schluss daran, dass populistische und basisdemokratische Bewegungen meistens kläglich scheiterten, wie zum Beispiel die Occupy-Bewegung, die derart sang- und klanglos verpufft sei.

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