«Blick in die Feuilletons»: Seelenhaushalt und Museen umdenken

Der Markt passt sich die Menschen an: Der Spiegel bespricht «Ego - das Spiel des Lebens», das neue Buch des Journalisten und FAZ-Mitherausgebers Frank Schirrmacher. Und auch die Museen nehmen Teil an diesem Anpassungsprozess, darüber berichtet die Neue Zürcher Zeitung.

Das Wort "EGO" steht in grossen Buchstaben im Sand eines Strandes.

Bildlegende: Schirrmachers Titelwort als Kunstwerk in der Wüste: «Ego» der Künstlerin Ruth Kidd in Nevada, 2012. Reuters

«Ego - das Spiel des Lebens» heisst das neue Buch von Frank Schirrmacher. Erscheinen wird es nächste Woche, aber im heutigen Spiegel stellt der Schriftsteller schon mal mit einem Werbetrommelwirbel seine Thesen vor. Konkret ist es eine einzige These: «Ohne dass wir es gemerkt haben, haben Ökonomen den Seelenhaushalt des modernen Menschen zu ihrer Sache gemacht.» - also die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Und das hat laut Schirrmacher mit dem Profitdenken zu tun. Um vorauszusagen, was Menschen konsumieren werden, wird Eigennutz als Maxime aller Handlungen unterstellt. Nach dem Fall der Mauer verselbständigte sich diese Annahme, so Schirrmacher weiter im Spiegel, sie beschrieb nicht mehr länger die Menschen als egoistisch, sondern sie produzierte egoistische Menschen.

Und unsere Gegenwart ist, so diagnostiziert der kulturpessimistische Schirrmacher, eine Zeitenwende. Denn mit den Finanzkrisen vollzieht sich der Siegeszug des Neoliberalismus. Regierungen können «den Willen der Mehrheit nicht mehr zum Ausdruck bringen.» Sie wissen schlicht zu wenig über ihre Klientel: «Das ist die Geburtsstunde der marktkonformen Demokratie». Soweit Frank Schirrmacher heute im Spiegel. Im Focus widerspricht der Philosoph Peter Sloterdijk Schirrmachers These und meint pointiert: Der moderne homo oeconomicus sei ein Popanz, die Zeit gehöre dem Nachdenken über Empathie, Kooperation, Generosität und andere Bürgertugenden.

Museen für die Freizeitgesellschaft

Der Markt passt sich die Menschen an - und auch die Museen nehmen Teil an diesem Prozess. Darüber berichtet heute die Neue Zürcher Zeitung. Designer und Architekten machen Museen fit für die Freizeitgesellschaft: Besucherinnen und Besucher sollen im Cafe relaxen, im Forum Veranstaltungen besuchen, Souvenirs besorgen im Museumsshop und das alles in innovativer Raumgestaltung. Das manifestiert sich nicht bloss in den renommierten grossen Häusern wie etwa der Tate Modern in London, dem neu eröffneten Louvre in Lens oder im Frankfurter Städel, sondern auch in kleineren Kunstmuseen fernab der Metropolen.

Gabriele Detterer berichtet in der heutigen NZZ darüber, dass in der Provinz aber auch nach Alternativen zur konsumierbaren Geschäftigkeit der Grossen gesucht wird: etwa im Museum in Bozen, wo Experimentierfreude Trumpf ist. Keine Komfortzone wurde dort eingerichtet, sondern ein musealer Raum, der der Seherfahrung gewidmet ist: mit harten Sitzmöbeln und Stellwänden aus Zirbelkiefernholz. In Wolfsburg hat sich das Kunstmuseum einen japanischen Garten zugelegt und einen Raum nach Zen-buddhistischen Grundsätzen gestaltet - dort lässt sich ungestört und intensiv über Kunst nachdenken.


Schirrmachers «Ego - das Spiel des Lebens» und Design-Ideen für Museen

3:26 min, aus Blick in die Feuilletons vom 11.02.2013

Stellt sich die Frage «Wieviel Design ist nötig? Müssen Besucherzonen und Aufenthaltsecken in Zentren für Gegenwartskunst zeitgeistiger Dynamik hinterherhecheln. Oder umgekehrt: Muss in Gemäldegalerien das Mobiliar von gediegener Vorgestrigkeit sein?»  Fest steht: Identität erwirbt sich ein Ausstellungshaus nicht bloss mit Sammlung und Ausstellungen, sondern eben auch mit gestalteten Besucherzonen, Mobiliar  und Architektur. Der Umbau musealer Welten ist offenbar unaufhaltbar.